Bedingt kritikbereit

Medien haben ihre eigenen Probleme. Halten wir uns an die Menschlichkeit

Prof. Dr. Veit Neumann

Die Umstände, unter denen wir leben, werden immer durchschaubarer und immer undurchschaubarer. Megatrends sind Globalisierung, Digitalisierung und Migration. Wir erhalten mit der Digitalisierung in der Globalisierung früher ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand. Doch fühlen wir uns diesen mächtigen Strömungen oft ausgeliefert. Jedem einigermaßen ideologiekritischen Menschen müssen Figuren wie Conchita Wurst und Greta Thunberg suspekt sein, die für inhaltliche Authentizität bürgen sollen. Botschaften werden suggeriert: Verändert Euch (in dem Sinne, wie dies andere Institutionen mit ihren verdeckten Interessen fordern)! Das sind zum Beispiel multiple geschlechtliche Identitäten sowie überhaupt diverse Außenweltkonstruktionen. Die Themen Globalisierung, Digitalisierung und Migration flankieren die Themen Gender und Klima. Gleichzeitig wird uns mit sanft angepasstem Druck, wie es scheint, Zukunft garantiert, indem sie kanalisiert wird und indem wir öffentliche Anerkennung in Aussicht gestellt bekommen, wenn wir sie nur verlässlich kanalisieren. An den fünf genannten Themen von Globalisierung bis Klima ist viel Wahres dran, das teils ernsthaft zum Handeln drängt. Ein gewisses Problem liegt darin, dass 90 Prozent zutreffend sind, 10 Prozent aber nicht uneingeschränkt. Womöglich sind diese 10 Prozent aber entscheidend. Sich der Vernunft zu bedienen kann einsam machen. Das Leitbild der Gesellschaft ist ohnehin nicht der Termitenhaufen (daran erinnert Richard N. Coudenhove-Kalergi), sondern der schöne und gute Mensch. Veränderung liegt in der Luft. Veränderung ist nicht das schlechteste. Veränderung, die nachhaltig ist, hat selbstbestimmt zu sein.

Wandel und Beharren

Wie sehr sich Veränderung vollzieht, ist am gesellschaftlichen Lackmus-Tester par excellence auszumachen: an den Medien („Massenmedien der öffentlichen Kommunikation“). Digitalisierung betrifft sie besonders. Digitalisierung macht aus Technik einen politischen Vorgang. Durch die technisch mögliche und politisch in die Wege geleitete Schaffung neuer Kanäle nimmt die Konkurrenz zu, aber, so wie es aussieht, die Beachtung humaner Mindeststandards beim Kommunikationsvorgang ab. Wo steckt unsere einst als frei konzipierte Gesellschaft? Medienmacher gehen von der Annahme aus, es sei notwendig, durch Mechanismen der öffentlichen Meinung regulierend einzugreifen. Sprachregulierungen manifestieren sich in Sprachregelungen und aus Sprachregelungen erwachsen Sprach- und Denkverbote. Daraus wird Einförmigkeit. Die peinliche Einförmigkeit bringt die Unaufrichtigkeit hervor, Einförmigkeit als Vielfalt umzudefinieren. Der Druck auf Medienorganisationen steigt. Und der Grat zwischen Diskussion und Ideenkontrolle ist schmal. Damit wächst der Druck, gleichförmig zu denken. Über die Qualität von Inhalten, die mindestens als unerwünscht definiert werden, ist damit keine Aussage getroffen. Die Primärwahrnehmung wird sekundär, mediale Sekundärwahrnehmung primär, mediale Wahrnehmung somit vorherrschend. Es wächst die Gefahr, dass wir dem nicht mehr trauen, was wir sehen, hören und fühlen, weil es der kanalisierten öffentlichen Kritik ausgesetzt ist. Immer schon wurden Mehrheiten organisiert und kreiert. Noch nie aber war die Bedeutung der Kommunikation und ihrer beeinflussenden Mechanismen derart.

Wandel und Änderung („change management“) sind Ideale, deren positive Dimension uns immer wieder einseitig suggeriert wird. Wir benötigen einen Bestand an Verlässlichkeit, damit wir leben können. Umdefinierte Vielfalt birgt eine trügerische Verlässlichkeit. Das ausschließliche Progressionsparadigma der Soziologie ist falsch. Der ewige Fortschritt ist nicht machbar. Wird er aber ins Werk gesetzt, geschieht es auf Kosten der Menschen. Der Medienbetrieb verweist auf diesen Zusammenhang. Tatsächlich erweist sich der Wandel als technisches Faktum, nicht aber als inhaltliche Potentialität bestimmt. Was nützen die schönsten Medienkanäle, wenn sie keine vielfältigen Gedanken reflektieren?

Produktion und Kreativität

Die Organisation von Medien beruht auf Wiederholbarkeit und Regelmäßigkeit. Produktionsroutinen sind notwendig, um dem journalistischen Kreativitätspostulat nachzukommen. Menschenförderliche Bilder und Texte entstehen, wenn Kreativität und Intuition Raum bekommen. Dazu bedürfen Medien festgelegter industrieller Rhythmen, die ihrer Periodizität der Erscheinung entsprechen. Nachrichten werden industriell und fabrikmäßig hergestellt. Eine Zeitung, in der alle kreativ sind, wird nicht rechtzeitig erscheinen. Institutionen als Organisationen neigen zu Schwerfälligkeit. Dennoch müssen Informationen und Meinungen immer aktuell sein – neu, relevant, faktisch – , damit sie verkauft werden. Medien sind die Quadratur des Kreises aus der Beharrlichkeit der Herstellung und der Neuheit des Inhalts. Das betrifft jeden institutionalisierten Vorgang der Nachrichten- und Meinungsübermittlung, der mit Qualitätsansprüchen versehen ist.

Dieses Problem prägt jeden Erkenntnisvorgang: Ich möchte etwas in der Form erkennen, in der ich die Welt bisher erkannt habe. Wie ist das möglich? Das Objekt, das ich erkenne, ist etwas anderes als bislang. Wie soll ich es dann erkennen? Erkenntnis ist die Einsicht des Neuen im Alten. Um zu erkennen, brauchen wir eine persönliche Änderungskompetenz. Um gesellschaftlich problemlösend wirken zu können, benötigen die Medien Änderungskompetenz. Sie liegt darin, mutig das zu berichten, was ist. Manches deutet darauf hin, dass der Mainstream in zentralen kritischen Fragen nicht über das berichtet, was ist, sondern über was aus seiner Sicht sein soll. Das ist kein Lösungsverhalten, sondern gegebenenfalls eine Zwangsbeglückung unter demokratischer Tarnkappe.

Gewiss sind die Handlungsoptionen der Medien eingeschränkt. Das lässt sich an den Nachrichtenfaktoren festmachen. Ein Ereignis wird zur Nachricht, wenn darüber berichtet wird. Es gibt Kriterien, die ein Ereignis zur Nachricht werden lassen. Die wichtigsten Nachrichtenfaktoren sind der Negativismus und die Besonderheit. Medien haben ihre Weltsicht. Wir alle haben unsere Weltsicht, um uns in der Welt zurechtzufinden.

Änderungskompetenz

Damit wir nicht überfordert sind, ist es gut, dass, wenn Änderung durch uns und bei uns geschieht, sie regelmäßig geschieht und sie vor allem mäßig geschieht. Schaffen es die Medien selbst, sich zu ändern? In der Tendenz schaffen sie es eher nicht. Mediale Institutionen wie Nachrichtenproduzenten sind Institutionen. Institutionen sind Organisationen, die Lösungen für Probleme perpetuieren, die zu einer bestimmten Zeit akut waren. Ob sie noch vorliegen, ist jeweils zu prüfen. Durch die Routine aus Arbeit und Alltag wird nicht mehr geprüft, ob die Probleme bestehen. Es können sich auch die Umstände geändert haben.

Tatsächlich haben sich Qualitätsmedien mit überregionalem Anspruch kaum proaktiv geändert. Die Digitalisierung erzeugte Handlungsdruck, auf den reagiert wurde. Am ehesten hat es der Springer-Verlag in Berlin mit der Herausforderung der Digitalisierung aufgenommen. Die Auflösung der überkommenen Redaktionsstrukturen und die Einführung des Newsdesk ist ein Versuch, sich dem Wandel zu stellen. Crossmedialität bricht die traditionelle Ressortaufteilung auf. Lässt das ökonomisch strukturierte Management der journalistisch ambitionierten Nachrichtenschaffung Raum für Kreativität? Oder für politische Bildung? Für die Motivation, anders zu denken? 

Veränderung gibt es im institutionellen Bereich privatwirtschaftlich organisierter Verlage, da hier eine hohe ökonomische Kontrolle herrscht. Es ist unklar, wie es diesbezüglich um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestellt ist, dem wiederholt nachgesagt wird, etablierte Parteien hätten ihn gut im Griff. Veränderung bei Journalisten? Es gibt weiter kreative Köpfe. Sie haben aber insgesamt keinen journalistischen Stil entwickelt, der für die Herausforderungen der Eigengesetzlichkeiten der Digitalität geeignet wäre. Um auf die erste Seite gerankt zu werden, um relevant wahrgenommen zu werden, haben journalistische Texte nach vorgegebenen Prinzipien verfasst zu sein, haben sie zu funktionieren. Dieser Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit bleibt unbemerkt.

Bildung zur Menschlichkeit

Haben unsere Öffentlichkeiten die vorhergesagten Veränderungen erfahren: eine völlige Auflösung jeder kommunikativen Solidarität und einen kompletten Zerfall in individuelle Kommunikationsakte durch Social media? Es gibt noch den Ansatz der liberalen Öffentlichkeit, ein Teil davon ist weggebrochen. Beides wird verändert bleiben. Whatsapp-Satz- und Wortfetzen sind unpolitisch. Die Imagination demokratischer Öffentlichkeitskonstruktion aber besteht. Hier werden politische Entscheidungen durchgesetzt, allerdings wohl kaum im idealerweise freien Spiel der Meinungen und durch ansprechende Überzeugungsvorgänge. Dass wesentliche politische Entscheidungsvorgänge in einer Art Sozialkonstruktivismus durchgesetzt werden, ohne dass wir es bemerken, ist bedrückend. Schon der plausible Verdacht, dass dem so wäre, müsste mehr als stutzig machen. Dazu passt, dass der einst stolz geäußerte Satz von den Medien als der vierten Gewalt im Staate merkwürdig selten erklingt.

Agieren wir als gesellschaftliche Player auf die neuen Megatrends und beschränken wir uns nicht auf die Reaktion. Überlassen wir nicht alle Regelungskompetenz wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und Formen eines Sozialkonstruktivismus. Wagen wir es, Vorstellungen zu entwickeln, zu begründen und zu vertreten. Politische Bildung beginnt im Kleinen: im Vertrauen auf die Vernunft und im Mut, Ansichten öffentlich zu erklären.  Globalisierung, Digitalisierung, Migration, Gender und Klima sind große, aber hauptsächlich theoretische Worte. Die Reduktion der Vernunft auf diese Schlagworte kann nicht gut sein. Die Wirklichkeit ist größer. Wichtig für uns sind daher Äußerungskompetenz, Änderungskompetenz und das Verharren in ideologiekritischer Menschlichkeit.


Veit Neumann ist seit 2010 Dozent für Pastoraltheologie am Bischöflichen Studium Rudolphinum Regensburg und seit 2012 Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten in Niederösterreich. Von 2007 bis 2012 wirkte er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pastoraltheologie bei Andreas Wollbold.

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