Die Kirche wächst an ihrer Sprache

Von Dr. Regina M. Frey

Im April 2015 sorgte ein Blogartikel in den christlichen Kirchen Deutschlands für kurzzeitiges Kammerflimmern. Der Politikberater Erik Flügge hatte auf seiner Homepage einen Blogartikel mit dem provokanten Titel „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“1 veröffentlicht und innerhalb von Stunden ging der Artikel im digitalen katholischen Milieu viral, wie man den virtuellen Schneeballeffekt nennt. Die Internetportale beider christlicher Kirchen berichteten, das Domradio Köln führte ein Interview mit dem Autor. Beinahe fünf Jahre später werden die Thesen Flügges in Homiletikkursen noch immer heftig diskutiert – in jenen Kursen, hinter denen Flügge „Rhetorikkurse für Zombiesprache für Predigten in Kirchen“2 vermutet. Junge Theologiestudentinnen und Theologiestudenten reagieren oftmals entrüstet auf den Vorwurf, ihre Predigtsprache sei gewollt unverständlich (Flügge selbst drückte dies in eher derben Worten aus). Doch auch Papst Franziskus erwähnt in seiner Enzyklika „Evangelii gaudium“ eine nicht ganz unbekannte Beobachtung: „Die Homilie ist der Prüfstein, um die Nähe und die Kontaktfähigkeit eines Hirten zu seinem Volk zu beurteilen. In der Tat wissen wir, dass die Gläubigen ihr große Bedeutung beimessen; und sie, wie die geweihten Amtsträger selbst, leiden oft, die einen beim Zuhören, die anderen beim Predigen.“ (EG 135) Wie also sollte eine Sprache sein, die die Kirche nicht verrecken, sondern ihre Botschaft aufblühen lässt? Drei Thesen aus der Homiletikausbildung.

Individuell vs. authentisch

Es ist natürlich, dass es Redner gibt, deren Stil beeindruckt. So war etwa der US-amerikanische Präsident Barack Obama schon nach kurzer Zeit für seinen Redestil bekannt, sein „Yes, we can“ wurde zum Markenzeichen. Ähnliche Markenzeichen gibt es auch bei Predigern. Sie schleichen sich im Laufe der Jahre ein oder werden bewusst als eigener Stil gepflegt. Interessant wird es nun, wenn junge Prediger und Predigerinnen versuchen, den Stil eines anderen zu imitieren. Vielleicht das drei-Punkte-Schema des Regens oder das Predigtende in Form eines Gebetes, das der Heimatpfarrer stets verwendete und bei dem die Gemeinde wusste, jetzt kommt er zum Schluss. Diese Nachahmungs-Versuche zeigen zumindest, dass der junge Prediger bereits eine geschärfte Wahrnehmung für unterschiedliche Stile und Predigerpersönlichkeiten entwickelt hat. Doch schon in einem Homiletikhandbuch des 19. Jahrhunderts findet sich folgender Hinweis: „Nicht jedes Muster ist für Jeden zur Nachahmung geeignet. Der Zögling soll seine natürlichen Gaben kennen lernen, um sich ein Muster zu wählen, nach welchem zu arbeiten er im Stande ist (…).“3 Wichtiger als Nachahmung ist also das Ausprägen eines eigenen Stils, in dem sich der Predigende sicher fühlt und seine Individualität von der Sprache nicht unterdrückt, sondern ausgedrückt wird. Das ist mehr als das gerne benutzte Schlagwort der „Authentizität“. Während man mit der Anweisung „das muss authentischer klingen“ als Homiletikdozentin beim Studierenden so ziemlich alles erreichen kann, nur nicht, dass er oder sie nahbarer wird, ist es bei der Aufforderung nach einem individuellen Predigtstil anders. Hier ist Persönlichkeit gefragt, die um die eigene zurückgestellte Rolle bei der Verkündigung des Wortes Gottes weiß und trotzdem nicht blass bleibt, denn: „Ein Prediger ist eine lebendige Person und kein Sprachroboter. Das Wort Gottes wird zu seinem Wort.“4 Dieses Sich-Zueigen-Machen des Wortes Gottes erfordert eine beständige Beschäftigung vom Prediger. Sei es in der klassischen „lectio divina“, in der betrachtenden Bibelmeditation des Ignatius oder auf eine andere, ganz individuelle Art und Weise.

Lebensrelevant vs. lebensnah

Schaut man auf die Inhalte vieler Predigten, so bekommt man den Eindruck, dass sich die Verkünder des Wortes Gottes gerne selbst der großen Themen berauben. So kommt etwa die Studie von Marsha Witten im amerikanischen presbyterianischen Milieu auf die Erkenntnis, dass viele Prediger sich von theologischen Inhalten zugunsten von psychologisch aufbauenden Inhalten entfernen.5 Der ehemalige Redenschreiber von Tony Blair, Philip Collins, antwortete in einem Spiegel-Interview auf die Frage, wann er zuletzt eine Rede gehört habe, die ihn begeistert habe: „Das ist lange her. Es hat nicht damit zu tun, dass die Politiker schlecht sind, obwohl das eine Rolle spielt. Ich glaube, dass es heutzutage schwerer ist als früher, eine große Rede zu halten, weil die großen Themen fehlen. Und wenn es große Themen gibt, hat ein Einzelner kaum die Möglichkeit, etwas zu verändern.“6 Haben wir uns also die Chance der großen und Veränderungen auslösenden Predigten genommen? Sicherlich haben aufbauende Predigtthemen ihre Berechtigung, denn Predigt bedeutet auch Lebenshilfe für den Einzelnen. Sehr schmal ist hier aber der Grat zwischen lebensnah und relevant und lebensnah und irrelevant. Lebensnähe schafft eine Predigt nicht zuletzt durch den Prediger selbst, der aus der Mitte des Kirchenvolkes kommt und nicht eines Tages vom Himmel direkt auf die Kanzel fiel. Allerdings gibt es wohl nichts einfacheres für einen Theologen, als eine halbe Stunde lang etwa über das Thema „Versöhnung und Beichte“ zu sprechen, ohne dabei auch nur einmal aufgezeigt zu haben, was der dogmatische Sachverhalt eines vergessenen Sakraments mit dem Leben seiner Zuhörer zu tun hat. Dabei kann er eine noch so schöne lebensnahe Sprache verwenden, lebensrelevant wird das Thema dadurch noch lange nicht. Relevant werden auch die großen Themen erst, wenn der Zuhörer begreift: Hier bin ich gefragt, das geht mich und mein Leben etwas an, hier kann ich etwas verändern oder Veränderung zulassen. Und damit werden auch die kleinen, beinahe alltäglichen Themen wie z. B. das Warten auf den Paketdienst, zu den großen, lebens- und glaubensrelevanten Themen. Denn sie zeigen: Es gibt keinen Ort und keine menschliche Erfahrung, die sich Gott entziehen könnte. Überall, auch im Kleinen des Alltags, will er bei den Menschen sein, will für ihr Leben relevant sein. Insofern liegen dem Prediger die großen Themen nur so zu Füßen, er muss sie lediglich aufheben und sagen: Dieses oder jenes ist für dein Leben relevant. Die jesuanische Verkündigung hier als Maßstab zu nehmen, die aufrüttelt, verstört, bestärkt und tröstet ist nicht die schlechteste aller Möglichkeiten.

Inwendig vs. auswendig

Was immer einmal wieder zu Erheiterung führt, ist folgendes Lob: „Heute haben Sie ja mal wieder ganz ohne Konzept gepredigt!“ Aber was, wenn es gar kein Lob war, das die Begriffe „Konzept“ und „Manuskript“ verwechselte, sondern tatsächlich ein intelligent versteckter Hinweis auf eher wirre Gedankengänge des Predigers? Zuhörer können grausam sein – entgegen der Angst vieler Anfänger sind sie es jedoch meist nicht. Und daher ist auch für Anfänger der Königsweg der freien Rede – ohne Manuskript aber mit Konzept – durchaus empfehlenswert. Wer vier Jahre lang an wissenschaftliche Begriffe und Sprache herangeführt wurde und perfekt mit theologischen Fachbegriffen umgehen kann, wer Seminararbeiten über Karl Rahners Mystagogieverständnis und die Nachhaltigkeit als Sozialprinzip verfasste, wer bei Referaten für jede ungenaue Darstellung der Transsubstantiationslehre kritisiert wurde, dem fällt es zunächst schwer, sich von seinem Manuskript zu lösen. Aber eine Predigt ist kein wissenschaftlicher Vortrag. Wer nun aber gezwungen wird, die fein säuberlich ausformulierte Predigt ad hoc frei zu halten – etwa, weil die Dozentin das Manuskript einkassierte – stellt schnell fest: Ist der Inhalt meiner Predigt für mich klar und logisch, ist es nicht schwer, frei darüber zu sprechen. Das bedeutet nun nicht, alle Wissenschaftlichkeit hinter sich zu lassen und wie Flügge es fordert, so zu reden, wie man das auch am Stammtisch tun würde. Es bedeutet, in einer Zeit und Gesellschaft der Wörter- und Bilderflut das Wort abzuwägen, zu wählen, sich also wirklich „in den Dienst des Wortes zu stellen“, wie dies viele Homiletikhandbücher fordern. Und gemeint ist damit eben nicht nur das Wort Gottes, die Heilige Schrift, sondern jedes Wort, das der Prediger spricht. Hier entsteht nun aber ein Problem gerade für Predigtanfänger: Wie schaffe ich es, genau im richtigen Moment das richtige Wort zu finden, ohne dies aufzuschreiben und abzulesen oder auswendig zu lernen? Auch hier nicht ganz überraschend die Antwort: durch Üben, Üben, Üben. Nicht äußerlich, sondern innerlich. Sich also in Vorbereitung auf die nächste Predigt schon rechtzeitig mit den Lesungstexten beschäftigen, mit ihnen im eigenen Kopf und Herzen „schwanger gehen“, Widerstände entdecken, Ideen finden und verwerfen. Schließlich die Begrenzung auf ein Thema, eine Kernaussage und die Erstellung eines Manuskripts, das die freie Rede nicht verhindert, sondern unterstützt. Und dann: Üben. Diese Form der Predigtvorbereitung erfordert Zeit und gelegentlich auch Nerven, wenn die zündende Idee einfach nicht kommen will, aber sie lohnt sich.


[1] Flügge, Erik, Die Kirche verreckt an ihrer Sprache, 19. April 2015: https://www.erikfluegge.de/die-kirche-verreckt-an-ihrer-sprache/ (zuletzt aufgerufen am 15.01.2020).

[2] Ebd.

[3] Laberenz, Gottfried, Katholische Homiletik, Regensburg 1844, 12.

[4] Wollbold, Andreas, Predigen: Grundlagen und praktische Anleitung, Regensburg 2017, 216.

[5] Vgl. Witten, Marsha Grace, All is Forgiven: The Secular Message in American Protestantism, Princeton (New Jersey) 1993. 

[6] Collins, Philip, „Angela Merkel ist 16 Jahre lang sehr gut ohne die große Rede ausgekommen“, Interview in: DER SPIEGEL, 23/1.6.2019, 62-66, hier: 63.


Regina M. Frey ist akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Pastoraltheologie und seit 2013 für die praktische Homiletikausbildung verantwortlich. Sie promovierte im Jahr 2019 bei Andreas Wollbold mit einer Inhaltsanalyse über das „proprium catholicum“ des Rheinischen Merkur. Ihre Lehrstuhl-Karriere begann 2009 als studentische Hilfskraft, momentan kann sie sich ein Leben ohne rotes Sofa und Kaffeekreisel nur schwer vorstellen.

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