Ein besonderes Licht

Katholisch sein in Norwegen

Von Dr. Ole Martin Stamnestrø

 „Lux illuxit lætabunda“, „Ein fröhliches Licht strahlt auf“, so fängt die Sequenz zum Festtag des Heiligen Olav, Schutzpatron Norwegens, an. In der ganzen ersten Strophe der Sequenz geht es um dieses besondere Licht. Das Licht ist natürlich Christus. Und dieses Licht strahlt auf in Norwegen durch das Sterben des Heiligen Olav. Es geht um die Christianisierung Norwegens. Ziemlich spät hat dieses Licht bei uns im hohen Norden aufgestrahlt. Der heilige König Olav, der „rex perpetuus Norvegiæ“ – „der ewige König Norwegens“ genannt wird, hat im Jahre 1030 den Martertod gelitten. Als der heilige König ermordet wurde, ist etwas Erstaunliches passiert: Die Sonne wurde verdunkelt. Durch den dunklen Tod des Heiligen Olavs ist das helle Licht Christi über Norwegen aufgestrahlt. Mit fast unerklärlicher Geschwindigkeit haben die Norweger dann ihre alten heidnische Sitten verlassen und den neuen christlichen Glauben angenommen. 

Etwa 500 Jahre wurde Norwegen vom strahlenden Lichte des katholischen Glaubens beleuchtet. Dann ist das Licht ausgegangen. 1537 hat der dänische König Christian III. die Lutherische Reformation in Norwegen eingeführt. Zu dieser Zeit waren wir unglücklicherweise unter dänischer Herrschaft. Die Reformation hatte gar keine Unterstützung im norwegischen Volk. Die Reformationsgeschichte Norwegens ist keinerlei eine völkische Emanzipationsgeschichte. Freilich war die liturgische Sprache im Mittelalter Lateinisch. Aber man darf nicht vergessen, daß die Predigt auf Norwegisch war. Die Bibel hatte man auch in norwegischer Übersetzung. Die kirchliche Sprache war Lateinisch und Norwegisch. Nach der Reformation hörte man in den Kirchen nur die dänische Fremdsprache – und zwar in einem sehr erhobenen, fast unverständlichen Kanzleistil. Das Licht des Glaubens ist ausgegangen – aber nicht ganz. Obwohl katholisch zu sein mit der Todesstrafe bedroht war, hat die Mehrheit der Bevölkerung ihre katholischen Sympathien beibehalten. Die Volksfrömmigkeit läßt sich – Gott sei Dank – nicht so leicht von Ideologen ermorden. Ermordet wurden aber – von Altgläubigen Bauern – lutherische Pastoren, die die beliebten Heiligenstatuen aus den Kirchen entfernten – der Sensus fidelium in den Gewänden des muskulösen Christentums gekleidet. Jahrzehntelang haben die Gläubigen weiterhin Wallfahrten zu den heiligen Orten gemacht. Die Mütter haben ihre Kinder das Rosenkranzgebet beigebracht. Und so weiter. Lichtstrahlen gab es also auch nach der Reformation. Die Strahlen wurden aber langsam weniger und schwächer. Am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es wohl kein Katholizismus mehr in Norwegen. Durch die zwei Bewegungen Rationalismus und Pietismus waren die Norweger durchaus zu Protestanten geworden. 

Aber das Licht strahlte wieder auf. 1843 ist die katholische Kirche zurückgekommen. Durch die Bestrebungen der schwedischen Königin Josefine, die selbst katholisch war, wurde das Verbot von Katholizismus in Norwegen aufgehoben. (Zu der Zeit waren wir unter schwedischer Herrschaft.) Wieder durften wir „Lux illuxit lætabunda“ singen. Sofort spüren wir die Einflüsse des deutschsprachigen Katholizismus. Der erste Oberhirte, der Apostolische Vikar für Norwegen und Schweden, war der Schweizer Jakob Laurentz Studach. Der erste Pfarrer in der neuerrichteten Pfarrei in Oslo, damals Christiania, war der deutsche Priester Gottfried Ignatius Montz, aus Randerath, Heinsberg, stammend. 

Als die katholische Kirche mitten des 19. Jahrhunderts zurückkehrte, bestand die Hoffnung, daß die Norweger langsam ihrer Heimat in der Kirche der Väter finden würden. Das ist nicht geschehen. Die Mitglieder der ersten Pfarrei, St. Olav in Oslo, waren ausschließlich Ausländer – Diplomaten und Handwerker. Die Konversionswelle, für die man gebetet und gehofft hatte, kam nie. Trotzdem hat der große Bischof Johannes Olav Fallize, Bischof von Oslo 1887-1922, die kirchliche Strukturen weithin aufgebaut. Er hat sich die Norwegenkarte wie ein Feldherr angeschaut und Pfarreien und Institutionen strategisch errichtet – ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Zum Beispiel wurde eine Pfarrei in der kleinen Stadt Arendal 1910 gegründet. Die katholische Bevölkerung der Stadt zählte zwei Personen. Am Schluss seiner Amtszeit wohnten in Norwegen nur etwa 2000 Katholiken – ein Viertel davon waren Ordensschwestern. Später haben wir gelernt zu schätzen, daß Fallize für die Zukunft baute. Aber das dauerte ein bißchen. Durch die begrenzte Einwanderung stieg die Zahl der Katholiken langsam im 20. Jahrhundert, aber nur langsam. Das entscheidende Jahr war 2004. Da wurde die Schengen-Zone erweitert, was die freie Bewegung für die Einwohner der katholischen, osteuropäischen Länder nach Norwegen ermöglichte. Heute gibt es etwa 160.000 Katholiken in Norwegen.

Wie sieht dann die katholische Kirche in Norwegen heute aus? Zunächst die trockenen Fakten. 160.000 Katholiken von einer Gesamtbevölkerung 5 Millionen. Das heißt ungefähr 3 Prozent Katholiken. Die Mehrheit der norwegischen Bevölkerung, etwa 70%, gehören zur Lutherischen Kirche, die bis vor 7 Jahren die Staatskirche war. Vor 40 Jahren gehörten über 90% der Norweger dieser Kirche an. Das Tempo des Rückganges ist zunehmend. Die katholische Kirche in Norwegen ist in drei Bistümer geteilt oder genauer gesagt: ein Bistum (Oslo) und zwei Territorialprälaturen (Trondheim und Tromsø). Etwa 85% der Katholiken (136.000) wohnen in Bistum Oslo, auf 26 Pfarreien verteilt. Trondheim hat um die 16.000 Katholiken in 5 Pfarreien. Tromsø um die 7.000 in 8 Pfarreien. Trondheim hat seit 10 Jahren keinen eigenen Bischof – der Bischof von Oslo ist zur Zeit auch Apostolischer Administrator in Trondheim. Das Land ist rießig. Der Abstand von Oslo bis Tromsø gleicht ungefähr der Abstand von Oslo bis Rom. Nicht ganz, aber fast. Wichtig ist, daß man die großen Entfernungen im Kopf behält, wenn man die Kirche in Norwegen betrachtet. Ich nehme meine eigene Pfarrei als Beispiel: Ålesund ist nach unseren Verhältnissen eine Pfarrei mittlerer Größe. Sie liegt an der Küste zwischen Bergen und Trondheim. Bergen ist unsere Nachbarpfarrei im Süden – dorthin fährt man 8 Stunden mit dem Auto. Die Fläche der Pfarrei ist 5000 Quadratkilometer – ungefähr doppelt so groß wie das Saarland oder die Hälfte von Niederbayern. Sie sieht aber ganz anders aus: Überall gibt es Gebirge, Fjorde und Inseln. Traumhaft schön, aber verkehrsmäßig herausfordernd. Würde ich von der einen bis zur anderen Seite der Pfarrei mit dem Auto fahren, müßte ich 4-5 Stunden berechnen. Man muß ja auch auf die Fähren warten. Priesterberufung in Norwegen heißt, „Berufen zum Autofahren“. Manchmal kommen die Gläubigen zu mir im Pfarrhaus, es gibt aber auch ziemlich viele Katholiken ohne Autos. Und auf jeden Fall möchte ich auch die Leute zu Hause besuchen. Das heißt einer Familienbesuch zum Haussegen, zu einem Taufgespräch oder zur Ehevorbereitung nimmt fast einen ganzen Tag in Anspruch, wenn man mehrere Stunden hin und zurück fahren muß. Heroisch finde ich die Familien – meistens Polen – die jeden Sonntag, wenn die in die Messe gehen 2 Stunden mit dem Auto fahren müssen. Und danach 2 Stunden zurück.

Die Entfernungen: Das ist die eine Herausforderung oder Sondermerkmal unserer Situation. Dazu kommt ein zweitens: Wie ich bereits gesagt habe, ist die Kirche in Norwegen seit 1843 recht international. Heute zählen wir Katholiken aus fast allen Ländern der Welt. Die große Mehrheit bilden überall die Polen. Werfen wir wieder einen Blick in meine Pfarrei: Die Gesamtbevölkerung zählt 120.000 Einwohner, davon sind fast 5000 Katholiken. Diese stammen aus 80 verschiedenen Ländern. 70% sind Polen. Die zweitgrößte Gruppe sind die Litauer, danach die Philippinen. Die Norweger, die in Norwegen von zwei norwegischen Eltern geboren sind, könnte ich an einer Hand zählen oder vielleicht an zwei Händen. Freilich bringt sich die Internationalität viele Herausforderungen mit. Nicht nur die sprachliche – wenn ich sonntags während des Hochamtes predige, weiß ich, und spüre ich, daß nur eine Minderheit mich verstehen kann, obwohl ich mich sehr anstrenge, eine einfache Sprache zu wählen. Die Herausforderungen sind aber nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell. Die Erwartungen sind schwer erfüllen. Katholisch sein in Polen unterscheidet sich in mancher Art und Weise vom Katholisch sein auf den Philippinen. Es dürfte klar sein, daß wir nicht in der Lage sind 80 verschiedene Volksfrömmigkeitstraditionen pflegen zu können. 

Gleich möchte ich aber hinzufügen, daß die Vielfältigkeit auch bereichernd wirkt – das darf nicht vergessen werden. Und zwar in zwei Hinsichten. Erstens erleben wir jeden Sonntag das Pfingstwunder. Unsere verschiedenen Muttersprachen sind zur Kommunikation nicht ausreichend, aber wir haben eine gemeinsame und tiefere Muttersprache – die Sprache der Liturgie im tieferen Sinne, die Sprache des Glaubens. Deutlich steht uns vor Augen, daß die Kirche in erste Linie nicht national, sondern katholisch ist. Zweitens würde ich behaupten, daß die zu uns gekommenen, aus Ost-Europa und der Dritten Welt stammenden Katholiken, die katholische Kirche Norwegens von einer gewissen Engstirnigkeit befreit haben. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war die kleine Kirche in Norwegen überwiegend geprägt von den Ideen, die unter den deutschen und französischen Theologen damals modern waren. Die neuen Katholiken in Norwegen haben uns vielleicht aus ideologischen Tendenzen. Ein Beispiel: Das Sakrament der Buße war bei uns fast ausgestorben. Dann kamen die Vietnamesen und die Polen und sind selbstverständlich zur Beichte gegangen. So haben sie uns Norweger daran erinnert, daß vielleicht auch wir immer noch Sünder sind, die der Barmherzigkeit Gottes durch die sakramentale Gnade benötigen. Die Einwandern haben uns auch durch ihre Volksfrömmigkeit bereichert. Die Norweger sind vom Temperament her eher zurückhaltend, auf jeden Fall religiös scheu, sie haben aber nun den Mut gefunden an öffentlichen Prozessionen teilzunehmen – nicht um einen Triumphalismus auszudrücken, sondern um Glaubensfreude zu zeigen. Wir haben neu gelernt „lux illuxit lætabunda“ zu singen – das fröhliche Licht des Glaubens zu feiern. 


Ole Martin Stamnestrø ist der Generalvikar der Territorialprälatur Trondheim in Norwegen. Er ist außerdem als Pfarradministrator in Vår Frue Pfarrei in Ålesund tätig. Im Jahr 2012 schrieb er in München seine Lizentiatsarbeit unter der Begleitung von Andreas Wollbold zum Thema „In Rom zu Hause: Der Beitrag Peter Fabers und des London Oratoriums zur geistlichen Erneuerung des englischen Katholizismus in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts“.

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