Familiensonntage:  

Ein Projekt der Familienpastoral im Bistum Erfurt 

Von Dr. Annegret Beck

Nach den beiden Bischofssynoden 2014 und 2015 zum Thema Familie erwarteten viele das Apostolische Schreiben des Papstes dazu im Anschluss mit großen Erwartungen. Als „AMORIS LAETITIA - Über die Liebe in der Familie“ im April 2016 endlich der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde, richtete sich der Fokus der Aufmerksamkeit in Deutschland zunächst und vor allem auf Aussagen zum kirchlichen Umgang mit Geschiedenen Wiederverheirateten und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Wer den Text gründlich liest, entdeckt in ihm aber wesentlich mehr Anregungen für die Familienpastoral, sei es in der Wahrnehmung der Herausforderungen, unter denen Familien heute weltweit – freilich in unterschiedlichen Ausformungen – stehen, sei es zur Ehevorbereitung, Ehebegleitung oder eben zum Umgang mit Krisen. Mehr noch: Man entdeckt einen Stil des Blicks auf den Menschen, der dessen Freiheit und Würde vor Gott in den Mittelpunkt stellt. Nicht von ungefähr war eine der ersten Reaktionen auf Amoris laetitia, man möge das Schreiben nicht nur studieren, man möge es singen. Gemeint war wohl, man möge den Text nicht nur gedanklich erwägen, sortieren und ablegen, sondern er möge wie ein Gesang ins Herz dringen, beschwingen und beflügeln. 

Im Bistum Erfurt gibt es eine lange Tradition familienpastoraler Angebote, die häufig ihre Wurzeln noch in der Diasporakirche der DDR haben. AMORIS LAETITIA bot deshalb einen Anlass, diese Angebote auf ihre Aktualität im Glaubensleben von Familien zu prüfen und nach vertieften Wegen zu suchen. Gleichzeitig entstand der Wunsch, Amoris laetitia so „singend“ bekannt zu machen. Hilfreich stand dem Bereich Familie und Generationen im Seelsorgeamt des Bistums Erfurt bei diesen Überlegungen  die Pastoraltheologin und Nachfolgerin von Prof. Andreas Wollbold auf dem Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Religionspädagogik an der katholisch theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Professorin Maria Widl zur Verfügung. Ein Projekt, das aus diesen Impulsen erwuchs, existiert inzwischen im dritten Jahr und soll hier mit seinen Erfahrungen vorgestellt werden. 

Das Projekt der Familiensonntage beruht auf einigen recht einfachen Voraussetzungen, die die Bedingungen postmodernen Lebensgefühls mit dem Wunsch vereinbaren, dass Familien mit ihren Kindern Kirche als einen lebendigen Ort des Glaubens und Lebens für sich entdecken und erfahren. Wenn Familien sich etwas wünschen, dann ist es Zeit miteinander und füreinander. Der familiäre Alltag wird dagegen häufig als ein Konstrukt organisatorischer Höchstanforderungen erfahren. Auch kirchliche Vorstellungen im Hinblick auf Einsatz und Präsenz von Familien mischen dabei mit, werden aber aufgrund des gefühlten Freiwilligkeitscharakters nicht selten abgewählt. Andererseits sind Familien durchaus daran interessiert, sich aktiv mit ihren je eigenen Kompetenzen im kirchlichen Kontext einzubringen, um gemeinsame Zeit auch als sinnerfüllte Zeit zu gestalten. Schließlich erspüren sie auch das Anliegen, ihren Kindern und sich gemeinsam die Welt des Glaubens auf verständliche Weise zu erschließen, sofern er Halt für das Leben schenkt. Wie könnte eine pastorale Antwort auf diese Bedingungen aussehen? Das pastorale Projekt „Zeit für uns“ – Familiensonntage im Bistum Erfurt versucht, eine solche anzubieten. 

Das Konzept

An einem fest definierten Sonntag in jedem Monat, unabhängig davon, ob ein kirchliches Fest darauf fällt, findet in jeder Pfarrei des Bistums zumindest an einem Kirchort ein Familiensonntag statt. Dieser besteht aus einem Familiengottesdienst und einer „Aktion“  für Familien rund um diesen Gottesdienst. Termin und Ort des Familiensonntags sowie Aktion werden im Vorfeld jeweils auf einer zentralen Homepage veröffentlicht.  Bausteine für den Familiengottesdienst werden dabei zentral im Bistum erarbeitet, sie nehmen die Lesungstexte des Sonntags zum Anlass, um nach deren Bedeutung für Leben und Glauben in Familien zu fragen und sie im Gebet gemeinsam vor Gott zu bringen. Dabei werden passende Akzente des Schreibens Amoris laetitia mit den Anliegen des Sonntags zu einem Thema verknüpft. So werden Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort Impulse an die Hand gegeben, die sie im Hinblick auf das zweite Element des Tages entlasten. 

Dieses, die sogenannte Aktion beim Familiensonntag entsteht vor Ort. Aktionen nehmen die Bedingungen der Gemeinden an den Kirchorten auf, die Begabungen der Engagierten und auch die Netzwerke, die es vor Ort gibt, um Familien einen Raum zu schaffen, einander zu begegnen, tatsächlich Zeit füreinander und miteinander zu finden und dabei auch offen für Gäste in das Umfeld der Gemeinde hineinzuwirken. Dazu leistet die detaillierte Veröffentlichung der Termine, Orte und Vorhaben einen wesentlichen Beitrag. Neben dem Pfarrbrief, der häufig nur einen kleinen Kreis im Kernbereich der Gemeinde erreicht, soll so eine Außenwirkung erzielt werden, die vielleicht sogar über den eigenen Wohnort hinausragt. 

Die Umsetzung

Prägend für die Umsetzung des Projekts war, dass der Bischof des Bistums Erfurt, Dr. Ulrich Neymeyr, dieses für das gesamte Bistum als verbindlich für erst einmal ein Jahr der Familien im Bistum (2017/2018) erklärte, um Erfahrungen damit zu sammeln. In der Planungsphase galt es zunächst, das Projekt bekanntzumachen. Ein Logo und eine aussagekräftige Beschreibung dienten dem ebenso wie die Vorstellung und Diskussion in verschiedenen Konferenzen des Bistums mit Haupt- und Ehrenamtlichen. Der offizielle Start wurde mit der Bistumswallfahrt am dritten Sonntag im September 2017 gesetzt. In seiner Predigt sagte Bischof Neymeyr:

 „Wir haben in unserem Bistum lange überlegt, welchen der zahlreichen Impulse zur Familienpastoral (Anm: aus AMORIS LAETITIA)wir aufgreifen wollen. So möchte ich beginnend mit der heutigen Bistumswallfahrt die Pfarreien unseres Bistums anregen, jeweils am dritten Sonntag im Monat (heute ist der dritte Sonntag im September) besonders die Familien zum Gottesdienst und zum Beisammensein und zur gegenseitigen Ermutigung einzuladen. Die jungen Familien sollten wissen und erfahren, dass sie auch und gerade mit ihren lebhaften Kindern im Gottesdienst willkommen sind. Wenn Kinder den Gottesdienst nur als Ort der Disziplinierung erleben, werden sie keine Freunde daran bekommen.“

Eine Arbeitsgruppe des Seelsorgeamtes erarbeitete für die ersten fünf Familiensonntage ab Oktober 2017 eine erste Broschüre, die allen Pfarreien sowie den Pfarrei- und Kirchorträten und weiteren Interessierten zugeschickt wurde. In ihr wird in einem sehr ausführlichen ersten Teil mit einem werbenden Vorwort des Bischofs das Projekt noch einmal beschrieben und mit Beispielen versehen. Im Anschluss folgen die Gottesdienstentwürfe für die ersten Familiensonntage, die sich jeweils an den Lesungstexten des Sonntags orientieren. Zur besseren Orientierung tragen die Bausteine ein einheitliches Schema: Thema / Themenfeld / Messtexte / Bausteine für den Gottesdienst: Lieder / Einführung / Kyrie/Bußakt / Anspiel / Predigt / Fürbitten / Gabenbereitung / Segen/Entlassung. In dieser ersten sowie in der zweiten Broschüre für die weiteren Monate des ersten Projektjahres wurdeaußerdem ein Give away, ein „Mitgebsel“ für die Familien empfohlen und zum Teil auch zum Erwerb angeboten, das mit dem Thema des Gottesdienstes und mit Schwerpunkten von Amoris laetitia zu tun hat. Zu finden sind diese Broschüren unter https://www.bistum-erfurt.de/glaube_gottesdienst_spiritualitaet/familiensonntage/ideen_fuer_aktionen/

Daneben wurden monatlich die jeweils aktuellen Materialien auf der Bistumshomepage präsentiert und in einem Mailverteilerin verschiedenen Formaten zugeschickt, so dass sie vor Ort je nach Bedarf bearbeitet werden können. Dazu gehört auch ein Plakat für den Aushang, in das vor Ort die Termine und Aktionen eingearbeitet werden können. Von Monat zu Monat behält es seine Struktur, verändert aber die Farbe, um immer neu Aufmerksamkeit zu erwecken. Die Pfarreien wurden außerdem eingeladen, ihre Termine und geplanten Aktionen zurückzumelden, um diese auf der Bistumshomepage zu veröffentlichen. Daneben sollen Berichte und Fotos im Anschluss an die Familiensonntage zur Veröffentlichung auf der Bistumshomepage zugesandt werden 

Zwischenruf: Die Klippen im Vollzug

Soweit so gut. Aber kein Projekt für alle, das nicht auch für Widerspruch sorgt. Neben üblichen Fragen, wer das alles händelnsoll und einer Skepsis bezüglich der Erreichbarkeit der Familien zeigte sich, dass es grundlegendere Anfragen gab:

  • Mit dem festgelegten Termin auf einen bistumsweiten Sonntag pro Monat kollidierten Traditionen in einzelnen Gemeinden, wo der z.T. monatliche Familiengottesdienst fest an einem anderen Sonntag liegt. Vereinzelt wurde angefragt, ob man nicht eher auf das Kirchenjahr Bezug nehmen sollte als an regelmäßigen Terminen festzuhalten. Das Projekt beruht allerdings klar auf der Überzeugung, dass Familien eine Sicherheit brauchen, die sie auch langfristiger in den Kalender und vor allem in den Familienalltag einplanen können. Der Bezug auf die vorgegebenen Lesungstexte am Sonntag stellt zudem (gegen eine beliebige Auswahl von scheinbar passenden Lesungstexten und Themen für Familien) einen liturgischen Wert dar. Eine Ausweitung auf weitere Sonntage im Monat würde damit konkrete Gottesdienstvorschläge für fast jeden Sonntag erforderlich machen, was in der Praxis nicht leistbar gewesen wäre.  
  • Die zu planenden Aktionen an den Familiensonntagen erfordern Ideenreichtum und Einsatz vor allem von Ehrenamtlichen sowie eine langfristigere Planung, die mitunter auch an Räumlichkeiten im Winter, an Umsetzungsstrategien oder schlicht an interessierten Familien scheiterten. Damit war ein langer Atem gefordert, der nicht nur als Gewinn, sondern eben auch als Zusatzaufwand empfunden wurde.
  • Angefragt wurde auch der Sinn einer zentralen Sammlung von konkreten Planungen der Familiensonntage auf einer zentralen Homepage. Würden Familien sich dort informieren, wenn sie die Möglichkeit dafür auch auf der häufig schon vorhandenen und auch gepflegten Homepage der Pfarrei bekommen könnten? Dass Familien sich in eine andere Pfarrei begeben würden, um dort an einem Familiensonntag teilzunehmen, wurde dabei genauso bezweifelt wie die Erreichbarkeit von Familien außerhalb des Kerns der Pfarrei. Weil aus diesen Gründen nur wenige Pfarreien ihre Termine dem Seelsorgeamt für die Bistumshomepage zur Verfügung stellten, blieben auch die Nebeneffekte dieser Sammlung aus: von anderen Ideen für Aktionen zu übernehmen und zu spüren, dass es über die Familiensonntage tatsächlich eine bistumsweite Vernetzung untereinander gibt. 
  • Das auch diesen beiden Nebeneffekten dienende Anliegen, Berichte und Fotos der vergangenen Familiensonntage zu sammeln und zu veröffentlichen, scheiterte an den sich im Projektzeitraum verstärkenden Datenschutzrichtlinienund den Problemen bei deren Umsetzung. 

Evaluation und die Verstetigung des Projekts

Trotz dieser Anfragen und Kritik wurden nach dem geplanten Schul- und Arbeitsjahr 2017/2018 auf Wunsch von Bischof Neymeyr für ein weiteres Arbeitsjahr Materialien herausgegeben. Als leichte Veränderungen wurden statt direkter Bezüge zu Amoris laetitia nun weitere thematische Anknüpfungen zum Familienleben gewählt. Statt der give aways entstand für jeden Familiensonntag ein Familienbrief mit Impulsen und Aktionen zum Sonntagsthema für die Familie, kurzen Gebeten und einer in der Pfarrei zu ergänzenden Terminvorschau für die Familien. 

Im Verlauf dieses zweiten Jahres kamen der Bischof und die MitarbeiterInnen des Seelsorgeamtes zu der Vermutung, dass nach diesen zwei Jahren die Tradition an den Orten, an denen sie tatsächlich gewachsen war, auch eigenständig weitergeführt werden könnte. Dazu wurde eine Sammlung von allgemein verfügbaren Materialien zur Vorbereitung von Familiengottesdiensten angeboten (vgl. Broschüre IV - Vorwort). Um den weiteren Bedarf zu erfragen und das Projekt zu evaluieren, wurde ein kurzer Fragebogen versandt, der von immerhin mehr als einem Drittel der Pfarreien relativ ausführlich beantwortet zurückkam. Dabei zeigte sich, dass vor allem die Materialien für die Gottesdienste vor allem von Ehrenamtlichen gern genutzt und als hilfreich erlebt wurden. Wo sich tatsächlich Familiensonntage entwickelt haben, führen sie zu einem Mehrwert für die Familien und die Gemeinden. Weiterhin als behindernd wurde mehrfach genannt, dass man über die Lesungstexte so stark an den dritten Sonntag im Monat gebunden bleibt. Festgestellt wurde ebenfalls, dass es neben wieder aufgenommenen Handreichungen für Kindergottesdienste in der Advents- und Fastenzeit in diesen Monaten keine zusätzlichen Gottesdienstentwürfe bräuchte. Nur das Feedback eines Pfarrers bewertete sowohl das Anliegen als auch die Auswertung als durchaus negativ. Hier einige der Rückmeldungen im Wortlaut: 

  • „Ich ziehe den Hut vor den Leuten, die dieses Heft mit viel Mühe ausarbeiten und gestalten! Ich schätze Ihre Arbeit sehr! Meinen Respekt!“
  • „Für uns zumindest ist es eine extreme Erleichterung der Gottesdienstvorbereitung und wir würden es sehr bedauern, wenn diese Hilfe eingestellt werden würde.“
  • „Es war sehr lebendig, motivierend miteinander (durch die Handreichung) über Liturgie und Evangelium ins Gespräch zu kommen. … Wir fänden es sehr schade, wenn die Handreichung wieder verschwindet.“
  • „Wir würden uns das Weiterführen des aktuellen Materials sehr wünschen. Anspiele, wenn sie in der vorhandenen Qualität bleiben, helfen sehr… Der größte Gewinn für die Gemeinde war der Offenheitsgedanke über die Generationsgrenzen hinaus. Wir sind bei der Durchführung der Gottesdienste auch auf „fremde“, nicht so aktive oder bekannte Personen und Familien zugegangen und haben versucht ein stärkeres Wir-Gefühl zu ermöglichen. Es ist uns auch gelungen. Ob es jedoch nach der Aussetzung des Materials auch noch gelingen wird, ist fraglich…“

Bei zwei Pastoraltagen im Bistum zur Kirchenentwicklung wurde außerdem mehrfach darum gebeten, die Handreichungen weiterhin zu erstellen. Daraus erwuchs die Entscheidung, dass es für sieben Monate im Jahr außerhalb der Sommerferien sowie der Advents- und Fastenzeit weiterhin Handreichungen gibt, die allerdings nicht mehr in einer Broschüre erscheinen, sondern nur noch per Mail verschickt und auf der Bistumshomepage präsentiert werden. Diese versuchen einen Bogen für mehrere Sonntage im Monat zu schlagen, dabei wird das Gemeinsame der Lesungstexte aufeinanderfolgender Sonntage zu finden gesucht und zu einem Thema aufbereitet. In den Predigtentwürfen gibt es alternative Bausteine mit Hinweisen auf die Lesungen.  Give aways und auch Familienbriefe werden aufgrund der Rückmeldungen nicht mehr mitgeliefert. Die Durchführung von Aktionen bleibt den Kirchorten vor Ort überlassen. 

Fazit

Der Prozess der Kirchenentwicklung im Bistum Erfurt wird mit den drei Kennzeichnungen lokal, partizipativ und evangelisierend beschrieben. Die Familiensonntage entsprechen dort, wo sie umgesetzt werden, diesen Beschreibungen, mehr noch: Sie lassen Familien entdecken, dass sie in der Kirche willkommen und gefragt sind. 


Annegret Beck ist Leiterin des Bereichs Familie und Generationen im Seelsorgeamt des Bistums Erfurt und Leiterin des Jugend- und Erwachsenenbildungshauses Marcel Callo in Heilbad Heiligenstadt. Sie hat bei Andreas Wollbold im Jahr 2009 zum Thema "Christ sein können - Religiöse Kompetenz in der katholischen Diaspora Ostdeutschlands" promoviert.

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