Trotz allem voller Zuversicht

Inspirationen durch Effectuation und Ignatius

Von Dr. Carsten Roeger

1 Schmerzhafte Abschiede

Vermutlich kommen den Lesenden dieses Artikels folgende Beobachtungen nicht ganz unbekannt vor.

  • Der Pfarreirat macht sich Gedanken zur Öffentlichkeitsarbeit. Eine ansprechende Broschüre für die Advents und Weihnachtszeit soll erstellt werden. Es findet sich jemand, der Lust hat, diese Broschüre zu erstellen. Dann taucht die Frage auf, wie diese Broschüre zu den Menschen gelangen kann. Jemand meldet sich: Wir legen diese straßenweise in der Kirche aus und bitten die Gottesdienstbesucher, ein oder zwei Straßen mitzunehmen und diese zu verteilen. Das hat früher auch gut geklappt. Es gibt einige skeptische Einwände, aber nachher sind alle überzeugt: Das hat früher geklappt, das funktioniert auch jetzt. Alles wird vorbereitet, die Broschüren werden straßenweise ausgelegt, einige nehmen ganz viele Straßen mit, aber es bleiben auch viele Straßen über. Frust macht sich breit. Warum funktioniert das nicht mehr?
  • Der Vorstand eines Verbandes wird immer älter. Es findet sich keiner mehr, der den Verband weiterführen will. Zudem werden auch die Veranstaltungen immer weniger besucht. Man denkt an die guten Zeiten zurück, ist darüber frustriert, dass heute vieles nicht mehr funktioniert und sieht sich schließlich gezwungen, den Verband abzumelden.
  • Ein Kirchenchor wird immer älter, die anspruchsvollen Werke, die früher gesungen wurden, übersteigen das Vermögen. Um noch weiter machen zu können, entschließt man sich, nur noch einfache Werke zu singen. Man spürt, dass die Zeit dieses Chores dem Ende entgegen geht. Frustration macht sich breit, aber solange es geht, will man noch weiter machen. Schließlich gab es ja mal bessere Zeiten.
  • Voller Nostalgie erinnern sich Gemeindemitglieder daran, wie viele Kinder und Jugendliche früher im Pfarrheim aktiv waren. Aus verschiedenen Gründen ist die Anzahl der Kinder und Jugendlichen immer weniger geworden. Man sucht verschiedene Schuldige - den mittlerweile auf den Nachmittag ausgedehnten Unterricht, zu viele andere Angebote, zu wenig Engagement der Hauptamtlichen - und ist frustriert.
  • In der Pfarrei stehen mal wieder Wahlen an. Einige engagierte ältere Menschen kündigen an, dass sie sich zurückziehen möchten, um für Jüngere Platz zu machen. Einige möchten weiter machen und gehen auf die Suche nach jüngeren Kandidatinnen und Kandidaten. Es ist ein sehr mühsamer Prozess. Frust macht sich breit. Früher gab es doch mehr als genügend Kandidaten, heute ist man froh, wenn die Mindestanzahl gefunden wird.

Diese Liste könnte noch länger fortgesetzt werden. Frustration und depressive Stimmung greift um sich. Dies fördert auch nicht unbedingt die Attraktivität gemeindlicher Pastoral.

2 Kollektive Depression – Heiliger Geist
Seit längerer Zeit begleitet mich ein Artikel der Seelsorgeamtsleiterin der Diözese Innsbruck Elisabeth Rathgeb, die bei kirchlichen Versammlungen einen Verlust der Perspektive der Hoffnung beobachtet, die durch das Schema „Sehen - Urteilen - Jammern“ ersetzt werde und nicht selten zu einem Gefühl der kollektiven Depression führe.[1]

„Wie die berüchtigten ‚schwarzen Löcher’ im Weltraum saugen diese Diskussionen alle Energie in sich auf. Düstere Stimmung und eine Atmosphäre lähmender Schwere und Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Am Ende derartiger Analysen steht oft als Ergebnis: Nichts geht mehr. Alles ‚geht den Bach hinunter’. Die Kirche ist ein Auslauf-Modell. Dagegen kann man halt nichts machen? Das ist der ‚pastorale Supergau’: Gott wird nichts mehr zugetraut. Jesus hat nichts mehr zu sagen. Mit dem Heiligen Geist wird nicht mehr gerechnet - er ist so gut wie ausgelöscht.“

Rathgeb, Exerzitien als geistliche Grundlage des Wandels 61.

3 Merkt ihr es nicht? Schon sprießt es.
In Jesjaja 43,19 verspricht Gott: „Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ Wer nicht möchte, dass Kirche ein Auslauf-Modell wird, sondern dem pastoralen Supergau etwas entgegensetzen möchte, kann sich von Alfred Delp ermutigen lassen, der - nicht mit einer rosa Brille, sondern mit gefesselten Händen - ein zentrales Anliegen ignatianischer Spiritualiät beschrieb:

„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern […].“ [2]

Alfred Delp lädt ein, mit dem Heiligen Geist zu rechnen und zu spüren, wo etwas Neues sprießt. Es gilt nur, aufmerksam und vorurteilsfrei wahrzunehmen. Einige Beispiele aus meiner pastoralen Praxis deuten an, wo Neues sprießt und zeigen, dass auch heute aus vielen Poren uns Gott entgegenquillt, dass der heilige Geist auch heute wirkt.

3.1 Gründung eines Pfadfinderstamms
Eltern, die aus verschiedenen Gründen in die Pfarrei gezogen sind, vermissen die Existenz von Kindergruppen. Zu Hause waren sie bei den Pfadfindern sehr aktiv. Es entsteht der Traum, ob dies nicht auch in der hiesigen Pfarrei möglich sein könnte. Die Eltern gewinnen mehrere Verbündete für ihren Traum. Wir kommen ins Gespräch und schmieden Pläne, wie ein neuer Pfadfinderstamm gegründet werden könnte. Kinder und ihre Eltern werden zu einem Informationstreffen eingeladen. Wir hoffen, dass zehn Kinder kommen würden und wir eventuell mit den Eltern knapp 30 Personen sind. Es kam anders. Weit über 100 Personen erschienen. Schnell wurden Würstchen und Getränke nach gekauft. Die ersten Gruppenstunden begannen. Es wurde Kontakt mit dem Verband aufgenommen und ihm mitgeteilt, dass ein neuer Stamm gegründet werden soll. Für den Verband war dies etwas ganz Besonderes. Zumeist kommen Stämme, die sich abmelden wollten. Aber dass etwas Neues beginnen soll, ist nichts Alltägliches.

3.2 Projekt: Aus der Krise in die Perspektive durch Zuspruch und Begleitung
3.2.1 Vorüberlegungen

Auch wenn vielen Menschen heute der Zugang zu den „normalen“ und in der Gemeinde „gewohnten“ Gottesdiensten eher schwer zu fallen scheint, so gibt es in Krisen ein Bedürfnis nach Begleitung durch Menschen mit einer religiösen Beheimatung sowie nach rituellen Handlungen. Beispiele hierfür sind die Notfallseelsorge c die Begleitung von Menschen im Krankenhaus. Neben der menschlichen Zuwendung und der Empathie erfahren Menschen eine fachkompetente Hilfe sowie einen Zuspruch mit einer rituellen Handlung als hilfreich. Eine solche Begleitung vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen und orientiert sich an der heilenden Praxis Jesu, die sich auf verschiedenen Ebenen vollzieht. Das Beispiel der Heilung des Gelähmten (Mk 2) zeigt diese verschiedenen Ebenen auf.Der Gelähmte bedarf der Hilfe anderer Menschen, die ihn zu Jesus bringen und die dabei kreative Wege gehen.

  • Der Gelähmte bleibt weitgehend passiv, die Träger allerdings haben die starke Hoffnung, dass Jesus aufgrund seiner besonderen Beziehung zu Gott ihm helfen kann. Ihr spürbarer Glaube und ihre Ausstrahlung von Hoffnung können dem Gelähmten Vertrauen ermöglichen.
  • Jesus macht deutlich, dass die Lähmung nicht nur eine körperliche Angelegenheit ist, sondern auch die Seele betrifft und Auswirkungen auf der Beziehungsebene hat; die Beziehung zu den Mitmenschen und zu Gott ist gelähmt.
  • Jesus wendet sich beiden „Lähmungen“ zu. Er heilt zunächst die Beziehungslähmung, dann die körperliche Lähmung.

Pastorales Tun widmet sich der Hilfe bei den seelischen Lähmungen, die bei jeder schwerwiegenden Krankheit belasten. Für die körperlichen Beschwerden sind die Mediziner zuständig, gleichzeitig gibt es z.B. die Psychoonkologie, die eine wichtige Schnittstelle zwischen Arzt und Patient bildet, u. U. auch zwischen Seelsorge und Patient und den Angehörigen sowie dessen sozialen Kontext. Insofern ist es gut, wenn die Seelsorge sich in Bezug auf ernsthaft erkrankte Menschen mit Medizin und Psychoonkologie vernetzt.

3.2.2 Ganzheitliche Seelsorge und niederschwellige Liturgie als möglicher Ansatzpunkt
Das Angebot einer ganzheitlichen Seelsorge und einer niederschwelligen Liturgie nimmt besonders die Menschen in Krisensituationen in Blick, die ein spirituelles Bedürfnis haben, die sich aber durch bestehende Angebote nicht angesprochen fühlen. Ihnen soll die Erfahrung ermöglicht werden, dass der christliche Glaube den ganzen Menschen im Blick hat und der Glaube ein tragender Pfeiler in schwierigen Lebenssituationen sein kann. Hilfreich erscheint eine Verbindung von spiritueller Begleitung und anderen Professionen der Krisenbewältigung. In der Pfarrei gibt es zum einen einen Urologen, der seinen Beruf aus einer christlichen Berufung her ausübt und aus diesem Geist heraus neben seiner urologischen Praxis als Palliativmediziner in einem Netzwerk mitarbeitet, damit austherapierte Menschen bis zu ihrem Tod zuhause bleiben können. Zum anderen gibt es eine Psychoonkologin auf der Palliativstation des Krankenhauses, die auch in der Pfarrei engagiert ist. Beide ließen sich sofort für das Projekt gewinnen, so dass ein erster niederschwelliger Gottesdienst in der Arztpraxis des Urologen gefeiert werden konnte, zu dem auch Menschen kamen, die eher kirchenfern waren, aber bspw. durch den Arzt direkt angesprochen wurden und sich eingeladen fühlten. Beim Verabschieden zeigte sich, dass die Besucher sich sehr von dem Gottesdienst angesprochen fühlten und nächstes Mal - dann in einer Apotheke - wiederkommen möchten und zudem Menschen in ihrem Bekanntenkreis, denen ein solcher Gottesdienst gut tun würde, ansprechen wollen.

3.3 REbU – ein schulpastorales Projekt zu religiösen Erfahrungen
3.3.1 Eine nicht zufriedenstellende Ausgangslage

Angestoßen wurde dieses Projekt durch die Beobachtung bei verschiedenen Schulgottesdiensten, wie weit die SchülerInnen auch an einer katholischen Schule vom Glauben und einer Gottesdienstpraxis entfernt sind und wie schwer es ihnen demzufolge fällt, sich auf die Liturgie einzulassen. Daher suchten die Schulseelsorgerin und ich nach einer Möglichkeit, SchülerInnen religiöse Erfahrungen im weiteren Sinne zu ermöglichen und so zu einer gewissen Liturgiefähigkeit beizutragen. Im Hintergrund stand die Erfahrung im alltäglichen Schulleben - sei es im Religionsunterricht oder im Gottesdienst -, dass die SchülerInnen Mühe haben, still zu werden, Stille auszuhalten und bei sich zu bleiben. Das scheint uns eine Ursache dafür zu sein, dass ihnen einerseits der Zugang zu den eigenen Gefühlen und denen ihrer MitschülerInnen sowie andererseits zu Symbolen, Ritualen, Gebet und liturgischen Formen schwerfällt. Deshalb suchten wir nach einem Ort im Rahmen des schulischen Unterrichts, solche Erfahrungen zu ermöglichen. Uns war es ziemlich schnell klar, dass es sich nicht um eine normale Unterrichtsreihe mit einem besonderen Inhalt handeln konnte, sondern dass es etwas ‚Anderes’ sein musste. Aus diesem Grunde entschlossen wir uns, es mit einem Projekt zu versuchen, dem wir den Namen REbU (Religiöse Erfahrung bei Ursula) gaben. Das Projekt wurde von uns Schulseelsorgern in einer allgemeinen Lehrerkonferenz vorgestellt und die Durchführung einstimmig befürwortet.

3.3.2 Grundlinien des Projekts
Kern dieses Projektes sind fünf Schulstunden à 45 Minuten, die an einem besonderen Ort frei von Notendruck andere Saiten als bei der rein kognitiven Wissensvermittlung bei den SchülerInnen zum Klingen bringen. Dieses Projekt wird in der Jahrgangstufe 6 durchgeführt, weil die SchülerInnen die Anfangsschwierigkeiten einer weiterführenden Schule bereits hinter sich haben und aufgrund ihrer Entwicklung für solche Erfahrungen noch offen sind. Diese fünf Stunden werden gemeinsam von den beiden Schulseelsorgern im Zeitraum von 4-6 Wochen für jeweils eine 6. Klasse durchgeführt. Im Rahmen des normalen Wochenstundenplans stellen LehrerInnen dieser sechsten Klasse den beiden Schulseelsorgern eine ihrer Fachunterrichtsstunden zur Verfügung, so dass die einzelnen Fächer nur einmal „betroffen“ sind. Die SchülerInnen werden durch einen kurzen Besuch von einem der Schulseelsorger auf den besonderen Charakter der REbU-Stunden vorbereitet. In der Regel finden sich SchülerInnen gespannt und voller Erwartung zur ersten Stunde im Meditationsraum ein und nehmen um die gestaltete Mitte herum Platz. Jede dieser Stunden beginnt und endet mit demselben Ritual. In diesem Anfangsritual geht es darum, die SchülerInnen auf die Stunde einzustimmen und ihre momentane Befindlichkeit zu visualisieren. Hierzu stehen drei Glasschalen in der Mitte, eine Schale ist mit bunten Murmeln gefüllt, eine enthält kleine Steine und die dritte Schale ist leer. Die Murmeln bedeuten „Heute geht es mir gut!“, die Steine bedeuten: „Heute liegt mir etwas im Magen!“ Die SchülerInnen sind nun eingeladen, nacheinander und in aller Ruhe in die Mitte zu gehen und je nach Befindlichkeit eine Murmel oder einen Stein still in die leere Schale zu legen. Nachdem alle SchülerInnen dies getan haben, fasst einer der Schulseelsorger die momentane Befindlichkeit der Klasse in einem Gebet zusammen. Beim Abschlussritual stellen sich die SchülerInnen in einen Kreis, fassen sich an die Hand und beten gemeinsam das Vaterunser. Dieses gemeinsame Beten zeigt den SchülerInnen noch einmal ihre Klassengemeinschaft, die davon lebt, dass jeder seine persönlichen Erfahrungen einbringt und sich als Person angenommen fühlen darf und verdeutlicht zudem den religiösen Charakter dieser Stunden.

3.3.3 Beschreibung der Stunden
Jede der fünf Stunden hat einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Folgende Reihenfolge hat sich bewährt.

Körperwahrnehmung und Bewusstmachung der eigenen Wurzeln. Mithilfe einer Fantasiereise zum Thema „Baum“ werden die SchülerInnen dafür sensibilisiert, dass ein Baum aus Wurzeln, Stamm und Krone besteht. In der sich anschließenden Mal- und Schreibaktion machen sich die SchülerInnen anhand einer Kopiervorlage „Baum“ Gedanken zu ihren Wurzeln im Leben, was ihrem Leben Halt gibt und was sie ihren Mitmenschen schenken können (d.h. welche „Früchte“ sie tragen). Diese Gedanken malen oder schreiben sie in die Kopiervorlage und tauschen sich anschließend im Plenum kurz darüber aus.

Sensibilisierung für Klänge und Farben. Den SchülerInnen werden vier unterschiedliche Melodien (Kinderspiele, Requiem, Glockenklänge, Meeresrauschen) vorgespielt und sie werden danach gefragt, wie sie diese Melodien finden und welche Gefühle sie bei ihnen auslösen. Während im ersten Teil der Stunde mehr der Gehörsinn der SchülerInnen angesprochen wird, geht es im zweiten Teil der Stunde um das Sehen. Dazu werden nacheinander Tropfen von roter, blauer und grüner Tinte mittels einer Pipette in eine sich auf einem OH-Projektor befindende Wasserschale gegeben. Die Schüler beobachten intensiv das Zusammenspiel der Farben und drücken ihre Empfindungen in einem Bild aus.

Gebetsworte für eigene Erfahrungen suchen und formulieren. Da heute wenige SchülerInnen konkrete Erfahrungen mit Gebet(en) haben bieten wir den Mädchen und Jungen im ersten Teil der Stunde kurze Gebetsworte aus verschiedenen Psalmen an. Diese liegen auf kleinen laminierten Kärtchen geschrieben um die gestaltete Mitte herum. Jede/r SchülerIn sucht sich einen Psalmvers aus und begründet im Plenum diese Auswahl (Korrelation zum eigenen Leben). Im zweiten Teil der Stunde formulieren die SchülerInnen dann in Einzelarbeit ein eigenes Gebet, das sie im Rahmen eines kurzen Austausches „Wann und warum bete ich?“ freiwillig vorlesen können.

Bewusstmachen von kostbaren Momenten im Leben und der eigenen Kostbarkeit. Den SchülerInnen wird während einer längeren Fantasiereise ein kleiner Halbedelstein in die Hand gegeben; sie werden so angeleitet, dass sie diesen Stein mit schönen, kostbaren Momenten in ihrem eigenen Leben in Verbindung bringen können. In der sich anschließenden Mal- oder Schreibaktion denken die SchülerInnen anhand einer Kopiervorlage „Edelstein“ darüber nach, was sie selber kostbar macht und wie kostbar/wichtig sie für andere Menschen sind. Je nach Zeit tauschen sich die SchülerInnen noch kurz darüber aus.

Erfahrung von Berührungen und ihrer Bedeutung für das Segensritual. Nach dem Anfangsritual tun sich jeweils zwei SchülerInnen als Paar zusammen (ein Partner legt sich auf den Bauch, der andere kniet daneben) und führen nach Anleitung nacheinander eine „Wettermassage“ durch (z.B. „Die warme Sonne wärmt die Haut“ entspricht einem sanften Streichen über den Rücken). Nach dieser Berührung mit den Händen wird zu Sieger Köder´s Bildkarte „In Gottes Händen“ übergeleitet, die alle SchülerInnen in die Hand bekommen. Die Mädchen und Jungen teilen zunächst spontan ihre Assoziationen zu dem Bild mit und erzählen dann, wo Gott ihnen in ihrem Leben schon einmal geholfen hat.

Im Anschluss daran wird das Segensritual in der Kirche kurz erläutert. Dann stellen sich die SchülerInnen in zwei Kreisen so auf, dass sich jeweils ein/e SchülerIn des Innen- und Außenkreises gegenüberstehen und sich anschauen. Der/die SchülerIn des Innenkreises legt dem/der SchülerIn des Außenkreises die rechte Hand auf die Schulter und sagt „Gott beschütze dich in deinem Leben“; anschließend machen sie es umgekehrt. Dann bewegt sich der Außenkreis im Uhrzeigersinn und der Innenkreis gegen den Uhrzeigersinn weiter, so dass sich ein neues Schülerpaar segnen kann.

3.3.4 Feedback
Dieses Projekt ist für die SchülernInnen sehr bereichernd. Das zeigen uns Bemerkungen auf den Auswertungsbögen wie diese: „Ich würde die REbU-Stunden gerne nochmal machen! Mir haben sie sehr gut gefallen und wir haben viel Spaß gehabt!“ oder „Sie haben das sehr schön gemacht und immer alles gut erklärt. Das fand ich sehr gut. Es war auch mal was anderes als immer nur Unterricht. Man konnte richtig entspannen.“ Oder „Ich fand es toll! Alle Daumen hoch! Ich habe leider nur zwei!

4 Effectuation – eine Chance auch für die Pastoral
Die drei Beispiele – Gründung eines Pfadfinderstammes, Hinwendung zu Menschen in Krisensituationen und das Schulprojekt – verdeutlichen, dass durchaus Neues wachsen kann und pastorale Depressionen überwunden werden können. Möglich wurden diese Aufbrüche durch engagierte Menschen, die in der Pfarrei leben und angesprochen werden können. Wachstum in der Pastoral scheint daher vor allem dann möglich, wenn aufmerksam nach Menschen und deren Charismen Ausschau gehalten wird. Pastoral der Zukunft – so meine These – kann nur wenig geplant werden, sondern muss sich daran orientieren, wer bereit ist, sich pastoral zu engagieren. Sicherheiten aus früheren Zeiten, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich für vorgegebenen Positionen zur Verfügung stellen, existieren nicht mehr. Hier kann die unternehmerische Methode „Effectuation“ hilfreich sein, die sich zunehmend als eine eigene unternehmerische Entscheidungslogik herauskristallisiert. Effectuation geht nicht wie die klassische Herangehensweise davon aus, die Zukunft planen zu können, sondern rechnet damit, dass Unvorhergesehenes stattfinden wird und dies neue Chancen ermöglicht. [3] Die folgende Analogie beschreibt dieses Prinzip sehr brilliant.

„Es gibt zwei Arten zu kochen. Einerseits kann der Koch ein bestimmtes Essen auswählen, aus dem Kochbuch die passenden Rezepte aussuchen und im Supermarkt die richtigen Zutaten kaufen. Wieder zu Hause, verarbeitet er diese und kocht das Essen genau nach Rezept. Im anderen Fall führt der erste Weg des Kochs zum Kühlschrank und zu den Küchenkästchen. Dort finden sich unterschiedliche Zutaten und Werkzeuge und schön langsam formt sich vor dem Auge des Kochs ein Bild, welches Essen er damit machen könnte, vielleicht spricht er auch noch mit der Familie oder Freunden darüber, was sie gerne essen würden. Während des Anrichtens findet er noch die eine oder andere passende Zutat und schön langsam ergibt sich das fertige Menü. Ein paar Minuten später, nach einem Telefongespräch mit einem Freund oder auch der Entdeckung einer Dose Kapern, würde es zu einer ganz anderen Entscheidung kommen, welches Essen gekocht werden soll.“ [4]

Auf die Pastoral bezogen bedeutet dieser Ansatz, zu sehen, wer Interesse hat, etwas mitzugestalten und spirituell auf dem Weg ist und mit diesen Menschen nach Wegen zu suchen, wie heute Spiritualität Menschen nahegebracht werden kann. Statt zu schauen, was alles sein sollte, geht es darum zu schauen, was möglich ist. Dabei sind natürlich Kriterien zu entwickeln, was im Kontext des christlichen Glaubens möglich und sinnvoll ist. Für die Entwicklung von Kriterien könnte zum einen die Theologie befragt werden. Zum anderen kann mit Hilfe der Unterscheidung der Geister gefragt werden, was zu einem Mehr an Leben führt, im Kontext des Lebens des einzelnen und der Pfarrei. Im folgenden möchte ich mich der zweiten Option widmen, ohne dabei die Bedeutung der Theologie zu negieren.

5 Unterscheidung der Geister
Inspiriert durch die von Pater Georg Mühlenbrock SJ aufgestellten Kriterien für die persönliche Unterscheidung der Geister [5], schlage ich fünf Kriterien für die Unterscheidung der Geister in der Pastoral vor:

Kriterium # 1:
Ein pastorales Vorhaben oder eine pastorale Tätigkeit ist eher vom Geist Gottes inspiriert, wenn lockende Perspektiven dahinter stehen, als wenn mit äußerster Kraft und Verbissenheit Bestehendes verteidigt und aufrecht erhalten oder Neues krampfhaft eingeführt wird. Auch ein würdiges Aufgeben von Gewohntem und Liebgewonnenem kann vom guten Geist Gottes zeugen, wenn das Aufrechterhalten zu viele Kräfte binden würde, die anderswo besser eingesetzt werden könnten.

Kriterium # 2:
Pastorale Initiativen, die Menschen mit dem Glauben neu oder vertieft in Kontakt bringen möchten, sind dann eher vom Geist Gottes inspiriert, wenn nötige Ressourcen zur Verfügung stehen oder wenn anderes dafür gelassen wird und Menschen so mit Freude dabei sind, als wenn Initiativen überfordern und die Beteiligten stark belasten und unter Druck stellen. Für den Geist Gottes spricht zudem ein werbender Charakter, gegen den Geist Gottes ein Aufstellen von vielen Forderungen. Durchaus mit dem Geist Gottes vereinbar sind pastorale Initiativen selbst dann, wenn sie auf Widerstand stoßen, da der ‚Aber-Geist‘[6] auch dadurch wirkt, Menschen zu entmutigen.

Kriterium # 3:
Pastorale Entscheidungen, die ein gutes Gefühl vermitteln und Freude erwecken, sind auch dann eher vom guten Geist inspiriert, wenn sich abzeichnet, dass der Weg langwierig und steinig werden kann. Sind schon von vornherein ungute oder gar beängstigende Gefühle vorhanden, liegt es nahe, dass der ungute Geist am Werk ist.

Kriterium # 4:
Pastorale Aufbrüche sind vermutlich dann vom Geist Gottes inspiriert, wenn sie Weite, Schönheit und Ästhetik vermitteln. Nicht vom Geist Gottes stammend ist pastorales Handeln, wenn es den Stempel von Enge, Kleinlichkeit, persönlicher Eitelkeit oder persönlicher Profilneurose trägt.

Kriterium # 5:
Pastorales Handeln ist dann vom Geist Gottes inspiriert, wenn es Ausdruck der Trias von Glaube Hoffnung und Liebe ist und den ‚Akteuren‘ und Adressaten hilft, das eigene spirituelle Leben zu vertiefen. Gegen die Herkunft vom Geist Gottes spricht, wenn die Freude am (eigenen) geistlichen Leben darunter leidet oder selbstbezogene Motive zu sehr im Mittelpunkt stehen.

6 Fazit
Die angeführten Praxisbeispiele zeigen, wie viel in ganz ‚normalen’ Gemeinden am Rande des Ruhrgebietes möglich ist. Eine düstere Stimmung angesichts schwindender Zahlen und einer Abnahme an Engagierten ist also nicht angezeigt, sofern man den ‚Kühlschrank’ der Gemeinde mal genau inspiziert. Es ist lohnend nach dem Prinzip von Effectuation Chancen wahrzunehmen, gleichzeitig bietet der vorgeschlagene Kriterienkatalog Entscheidungshilfen dafür, welchen Wegen es sich lohnt nachzugehen und welchen eher nicht. Wer sich auf einen solchen Weg einlässt, wird - davon bin ich überzeugt - spüren, dass das Versprechen Gottes in Jesjaja 43,19 auch heute gilt und Realität ist: „Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“


[1] Vgl. Rathgeb, Elisabeth, Exerzitien als geistliche Grundlage des Wandels. Plädoyer für den „Blick der liebevollen Aufmerksamkeit“ in der Pastoral, in: Wort und Antwort 2 (2006), 57-63.

[2] Delp, Alfred, Gesammelte Schriften, Band IV, 26 (hrsg. von Roman Bleistein, Frankfurt 1984).

[3] Vgl. Grätsch, Susanne/ Knebe, Kassandra, Effectuation – die Logik der Super- Entrepreneure, in: https://www.berlinerteam.de/magazin/effectuation-die-logik-der-super-entrepreneure (14.12.2019).; Vgl. auch: http://www.kirche-im-wdr.de/startseite/show/programm/effectuation/ (15.12.2019).

[4] Ambrosch, Marcus, Effectuation – Unternehmergeist denkt anders, in: http://www.u-geist.at/eine-analogie (14.12.2019).

[5] Vgl. Hillebrand, Ludger, Die Unterscheidung der Geister, in: Jesuiten 2011/4, 6-7.

[6] „Der Aber-Geist […] ist daran zu erkennen, dass er verwirrt, durcheinander und unentschlossen macht, lähmt, Energie raubt und Gutes vortäuschen kann.“ in: https://www.gcl-cvx.ch/images/unterscheiden (15.12.2019). 


Carsten Roeger, von Andreas Wollbold betreute Dissertation an der LMU: Mystagogische Schulpastoral. Grundlagen und Realisierungsmöglichkeiten, fertiggestellt 2009, ist leitender Pfarrer am Rande des Ruhrgebiets, Geistlicher Begleiter und Exerzitienbegleiter und Kirchlicher Assistent der GCL-Regionalgemeinschaft Esssen-Münster-Paderborn.

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