Wozu ein Seminar für Spätberufene?

Von Dr. Volker Malburg

TV-Star Eckart von Hirschhausen wünscht sich auch Frauen als katholische Priester. »Sie weihen lieber Männer ohne Abitur zum Priester, als sich für gut qualifizierte Frauen zu öffnen«, wunderte sich der Kabarettist und evangelische Christ auf einem Podium beim Katholikentag in Münster. Hirschhausen bezog sich auf das Motiv eines Werbeplakats. Es zeigt einen OP-Pfleger, der nach einigen Berufsjahren und ohne Abitur als Spätberufener Priester wurde. »Sie verschärfen auch noch den Pflegemangel«, sagte der ausgebildete Arzt Hirschhausen kopfschüttelnd angesichts des früheren Berufs des Priesters.1

Die Bedenken, die Eckart von Hirschhausen hier auf humoristische Art und Weise äußert, sind tatsächlich Bedenken, mit denen ein Seminar für Spätberufene ohne Abitur zu kämpfen hat. Selten werden sie so offen ausgesprochen wie auf dem Katholikentag in Münster. Aber als Regens des Studienhauses St. Lambert in Lantershofen muss man immer wieder gegen diese Bedenken angehen. Opfert man mit der universitären Ausbildung von Priestern nicht einen wichtigen Qualitätsstandard, nur um den Zölibat zu retten und auch noch das „letzte“ Aufgebot zu Priestern zu weihen?

Gegen diese Tatsache spricht zunächst, dass die über 500 Männer, die seit 1972 die Ausbildung in Lantershofen absolviert haben und zu Priestern geweiht wurden, durchaus in der Seelsorge bestehen können, wertvolle Arbeit leisten und auch verantwortungsvolle Aufgaben in der Kirche übernehmen. Viele unserer Absolventen sind leitende Pfarrer und Dekane, sie haben Aufgaben in der Priesterausbildung und sind auch in deutschen Domkapiteln vertreten. Dieser Blick in die pastorale Wirklichkeit der deutschen Kirche zeigt, dass in Lantershofen eine qualifizierte Ausbildung erfolgt, die versucht ohne Absenkung des Niveaus geeignete Wege der Priesterausbildung für unsere Kandidaten zu finden.2

Erfreulicherweise findet sich auch in der neuen Ratio Fundamentalis aus dem Jahr 2016 ein eigener Abschnitt über die Priesterausbildung von Spätberufenen. „Diejenigen, die den Ruf zum Priestertum in einem fortgeschritteneren Alter entdecken, haben eine gereiftere Persönlichkeit und einen von verschiedenen Erfahrungen geprägten Lebenslauf. Am Anfang der Aufnahme dieser Personen ins Seminar bedarf es einer Zeit vor dem geistlichen und kirchlichen Weg, in der eine ernsthafte Prüfung der Gründe für die Berufung erfolgen kann. […] Wie die anderen Seminaristen sollen auch diese Kandidaten eine gute und ganzheitliche Formung erhalten, die im Umfeld eines gemeinschaftlichen Lebens eine solide geistliche und theologische Ausbildung durch eine angemessene und ihre persönliche Eigenart berücksichtigende pädagogische und didaktische Methode gewährleistet.“3

In diesem Abschnitt sind nicht nur alle wesentlichen Punkte enthalten, die in der Priesterausbildung von Spätberufenen einer besonderen Berücksichtigung bedürfen, sondern hier wird auch implizit der Wert spätberufener Kandidaten für die heutige kirchliche Situation angedeutet. Zunächst spricht die Ratio Fundamentalis das Entdecken der priesterlichen Berufung im fortgeschrittenen Alter an. Diese Erfahrung, die ausgeprägten Berufungsgeschichten unserer Kandidaten in Lantershofen, halte ich für das kostbarste, was unsere Studenten der Kirche schenken können. Es finden sich in Lantershofen viele Lebens- und Berufungsgeschichten, die von Umwegen, Brüchen, ernsten Lebenskrisen und Erfahrungen gnadenhaften Neubeginns gezeichnet sind. Natürlich gibt es in Lantershofen auch Studenten, die eine stark volkskirchliche Prägung haben und von keinem außergewöhnlichen Bekehrungserlebnis berichten können. Allerdings findet sich in fast allen Berufungsgeschichten unserer Kandidaten der Punkt in ihrem Leben, wo sie spüren, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Sie führen ein Leben in geordneten Bahnen, haben eine berufliche Sicherheit und einen netten Freundeskreis, aber da ist etwas Größeres und Schöneres, das sie ruft. Berufung ist in Lantershofen mit Händen zu greifen, weil wirklich wie bei Abraham die „alte“ Heimat verlassen werden muss, um sich der „neuen“ Verheißung zuzuwenden, für die es kaum Sicherheiten und Zusagen gibt. Diese Erfahrung bleibt prägend für das Priestersein unserer Kandidaten. Die Gefahr liegt darin, die eigene Berufungsgesichte absolut zu setzen und sie zur „Heilsbotschaft“ des seelsorglichen Wirkens zu machen. Hier bedarf es der genauen Prüfung der Motive und Absichten, von der die Ratio Fundamentalis spricht, und natürlich der geistigen Weitung und Formung durch die theologische Ausbildung. Wo dies aber gelingt, findet sich ein Modell für zukünftiges Christsein, das eben immer mehr darin bestehen wird, die eigene Berufung als Getaufter zu entdecken und sie bewusst zu leben. Für diesen Schritt können unsere Kandidaten Vorbild sein, weil sie eben nicht das Selbstverständliche und rational Nachvollziehbare tun, sondern gegen die Logik dieser Welt alles verlassen und ganz neu beginnen. Sie hören Gottes Ruf und können nicht mehr anders, als ihm zu folgen, so sehr sie vielleicht über viele Jahre dieser Berufung ausgewichen sind.4

Neben dem Schatz der Berufungsgeschichten verweist die Ratio Fundamentalis auf die größere Lebenserfahrung älterer Kandidaten. Die Erfahrungen, die ältere Kandidaten im Berufsleben gewonnen haben, stellen ebenfalls ein großes Potential für das spätere Wirken als Seelsorger dar. Die Studenten in Lantershofen kennen die Herausforderungen der Arbeitswelt und können sich in viele unterschiedliche Lebensbereiche aus eigener Erfahrung einfinden. Die größere Berufs- und Lebenserfahrungen von Spätberufenen ist der eigentliche Grund, warum die Kirche von der Qualifikation des Abiturs als Zugangsvoraussetzung für die Priesterweihe absieht. Es bedarf der genauen Prüfung, ob wirklich eine größere Reife und eine vielfältigere Lebenserfahrung bei einem Kandidaten vorliegt, die einen Ausgleich zur fehlenden Qualifikation des Abiturs darstellt. Eine propädeutische Phase vor Beginn der eigentlichen Ausbildung im Studienhaus St. Lambert ist daher selbst für ältere Kandidaten durchaus sinnvoll. Gerade bei Spätberufenen sollte eine sehr sorgfältige Prüfung der Eignung vor der Aufnahme erfolgen. Je älter ein Mensch ist, umso weniger können Entwicklungsschritte in rascher Zeit gegangen werden. Eine Entwicklung und Reifung der eigenen Persönlichkeit ist natürlich auch noch mit 30 oder 40 Jahren möglich, braucht aber sehr viel Zeit und hat weniger Spielräume als bei einem jüngeren Kandidaten. Es muss schon zu Beginn der Priesterausbildung von Spätberufenen allen Verantwortlichen klar sein, dass noch nicht erfolgte Reifungsprozesse in der Zeit von vier Jahren in der Seminarausbildung von Lantershofen kaum nachgeholt werden können. Bei der Aufnahme eines Kandidaten in Lantershofen muss man sich sehr sicher sein, dass wirklich eine gereifte Persönlichkeit vorhanden ist. Hier bietet eine propädeutische Phase die notwendige Zeit, um Klarheit zu gewinnen für den Kandidaten und auch für die Verantwortlichen in der Priesterausbildung. Eine nicht abgeschlossene Ausbildung in Lantershofen stellt einen Bruch in der beruflichen Laufbahn eines Kandidaten dar. Bei einer sorgfältigen Prüfung der Kandidaten vor der Aufnahme wird ihre größere Lebens- und Berufserfahrung wirklich zu einer Bereicherung der Seelsorge führen, weil ein Erfahrungsschatz eingebracht werden kann, den Priesteramtskandidaten, die direkt von der Schule in die Priesterausbildung gehen, noch nicht erworben haben können.

Die Ratio Fundamentalis aus dem Jahr 2016 weist auf die Notwendigkeit angemessener pädagogischer Methoden bei der Ausbildung von Spätberufenen hin. In Lantershofen ist dies vor allem durch die ganzheitliche Struktur der Ausbildung gegeben. Die Verantwortung für das Wachstum der menschlichen und spirituellen Reife, der wissenschaftlichen Bildung und der pastoralen Befähigung liegen in einer Hand. Der Regens des Studienhauses und die gesamte Hausleitung ist über alle Entwicklungsschritte der Kandidaten im Bilde und kann zusammen mit dem Dozentenkollegium gezielte Impulse für die persönliche Weiterentwicklung setzen. Die ganzheitliche Struktur der Priesterausbildung ist ein großer Wert, den die Ausbildung von Spätberufenen in Lantershofen der deutschen Kirche zur Verfügung stellt und der diese Form von Ausbildung sinnvoll macht. Hier zeigt sich nochmals der große Wert der Seminarausbildung für die Priesterausbildung, die nicht so leicht durch andere Formen -  z.B. eine Wohngruppe mit einem Priester mit einer schwerpunktmäßigen pastoralen Ausrichtung oder einem ganz freien, eigenständigen Studium -  zu ersetzen ist. Den Wert der Seminarausbildung deutlich zu machen, ist sicherlich auch eine wichtige Aufgabe, die die Priesterausbildung von Spätberufenen hat.

Wozu also ein Seminar für Spätberufene? Um wichtige Impulse für die Zukunft der Kirche in Deutschland zu setzen, die Priester braucht, die ihre Lebenserfahrung, ihre Berufserfahrung und ihre Berufungsgeschichte theologisch verantwortet in die Seelsorge einbringen und somit wichtige missionarische Impulse setzten können.  


[1] Jost, Jens, TV-Star beim Katholikentag in Münster. Eckart von Hirschhausen über Priester, Frauen, Pfleger und Oblaten, in: Kirche-und-Leben-Netz. Das katholische Online-Magazin, 11.5.2018, online verfügbar unter https://www.kirche-und-leben.de/artikel/eckart-von-hirschhausen-ueber-priester-frauen-pfleger-und-oblaten. Abgerufen am 5.1.2020

[2] Zum Ausbildungskonzept des Studienhauses St. Lambert vgl. Bollig, Michael, Das überdiözesane Seminar St. Lambert in Lantershofen. Modell einer außeruniversitären Form der Priesterbildung, in: Bollig, Michael, Hg., Christ sein in einer Kirche der Zukunft, Würzburg 2012, 34-44.

[3] Kongregation für den Klerus, Das Geschenk der Berufung zum Priestertum. Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis, Rom 8.12.2016 (= Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, Hg., Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 209, Bonn 2017), Nr.24.

[4] Vgl. zum theologischen Verständnis von Berufung und dem Wirken Gottes in der Erfahrung von Berufung, die sehr präzisen und weiterführenden Ausführungen von Wollbold, Andreas, Als Priester leben. Ein Leitfaden, Regensburg 2010, 85-138.


Volker Malburg ist Regens des Studienhauses St. Lambert in Lantershofen. Er promovierte bei Andreas Wollbold mit einer Arbeit zur Sakramentenkatechese.

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