Das Bild zeigt Professor Wollbold in Rom anlässlich seines silbernen Priesterjubiliäums am 8. Oktober 2009 vor St. Ignatius am Morgen des 12. Oktober nach der Feier der Hl. Messe in den Stanzen des Hl. Ignatius von Loyola mit zwei seiner damaligen Münchner Studenten, Georgios Zigriadis (links) und Michael Brüderl.

Der mystagogische Weg zu Gott

Eine Würdigung

Von Dr. Georgios Zigriadis

Mit seiner Dissertationsschrift aus dem Jahr 1994 hat der Jubilar sich selbst seinen weiteren Weg gewiesen. In der mystagogischen Deutung des Lebens der Thérèse von Lisieux hat Andreas Wollbold nicht nur die Heilige aus der Ecke einer süßlich-frommen und naiven Nonne aus einem ‚erledigten‘ Jahrhundert herausgeholt, sondern ihr Leben beispielhaft für den geistigen Weg des Menschen auf der Suche nach Gott und die konkreten Aufgaben der Kirche im Dienst des suchenden Menschen herausgestellt.

In jedem Leben ist ein Geheimnis enthalten, das sich niemals aus der Konkretion dieses Lebens ablesen lässt, sondern erst im Überschreiten der unvermeidlich begrenzten, vielfach undurchsichtigen Vorgaben der eigenen Biographie. Dann kann es gelingen, diesen Vorgaben eine neue Gestalt zu geben und so das Geheimnis des eigenen Lebens als das Geheimnis Gottes in meinem Leben immer deutlicher aufscheinen zu lassen. So gelangt der suchende Mensch in der nachzeichnenden Erfahrung seiner eigenen Biographie zu einer wachsenden Gotteserfahrung, die lebenspraktisch umsetzbar ist. Ist dieser mystagogische Weg des Menschen zu Gott erst einmal erkannt und anerkannt, ergeben sich Prinzipien und Aufgaben des kirchlich-seelsorglichen Handelns ‚am Menschen‘ wie von selbst.

Dabei ist die ewige Frage des Menschen nach dem richtigen Leben nicht beliebig zu beantworten, sondern für uns Christen die Frage nach dem richtigen Leben vor dem Gott und Vater Jesu Christi um des ewigen Heils willen. Es ist also das Was des Glaubens, aus dem heraus das Wie der Lebensführung und das Worin kirchlich-pastoralen Handelns sich ableiten. Die beide Bücher Andreas Wollbolds, die sich mit den Konkretionen des richtigen Lebens vor Gott explizit auseinandersetzen – das Priesterbuch und das Buch über die geschiedenen Wiederverheirateten – setzen an doktrinären, geistigen und lebenspraktischen Krisensituationen in der Kirche und im Leben der Christen an. In diesen Büchern sucht Andreas Wollbold Wege und Antworten nicht aus der diffusen Erwartungshaltung einer innerkirchlichen und allgemeinen Öffentlichkeit heraus, sondern von der Sache her – was ist das Priestertum, was die Ehe nach dem katholischen Glauben. Welche andere Grundlage sollte kirchliche Verkündigung und Pastoral sonst haben?

Diese Sache muss aber nach Lage der Dinge erst einmal wieder neu gewonnen werden. Und dazu ist eine ausführliche Rückbesinnung notwendig, mit der Mühen verbunden sind, die Andreas Wollbold nicht scheut. Doch erfordert die Fülle an Materialien und Quellen und das Durchhalten einer längeren stringenten Argumentation, die bei dieser Rückbesinnung in den Schriften Wollbolds zu Tage treten und erforderlich sind, auch Leser und Hörer, die sich um die Klärung der Sache willen, diese Anstrengung auch auf sich nehmen.

Die allenthalben festgestellte Krise des Glaubens und der Kirche ist im Grunde die tiefe Krise der Glaubwürdigkeit des übernatürlichen Zeugnisses – eine tiefe Krise der Beziehung des Menschen zu Gott. Daran hat das konkrete Wirken der Kirche und ihrer Repräsentanten auf allen Ebenen auch einen Anteil. Die übernatürliche Wirklichkeit Gottes für das Leben der Menschen und für die Welt in Anschlag zu bringen war schon der Kern der Bemühung um das Leben der hl. Thérèse und findet wie ein roter Faden seine Fortsetzung in allen theologischen Schriften Andreas Wollbolds. Dem Appell für diese übernatürliche Wirklichkeit Gottes ist auch sein Engagement für die traditionelle Liturgie geschuldet – ohne dabei zu der erneuerten Liturgie in Opposition zu treten. Und dies aus der Überzeugung heraus, dass die Sprache dieser althergebrachten Liturgie hilft, dieses Übernatürliche in den Herzen der Menschen wieder verstärkt zu verankern.

Dass Andreas Wollbolds erste Liebe der patristischen Literatur galt, ist hinreichend bekannt. Auch wenn der akademische Weg im Gehorsam eine andere Richtung nehmen musste, sollte diese Hinwendung später Bedeutung erlangen. In der Gemengelage einer Kirche, die geistlich und doktrinär immer mehr sich selbst entzogen zu sein scheint, gilt es, Vergewisserung und Orientierung neu zu gewinnen. In der in den letzten Jahren immer stärker werdenden Hinwendung Andreas Wollbolds zu diesen in ihren Werken uns noch lebendig ansprechenden Ahnen im Glauben spricht die Überzeugung, dass diese Vergewisserung und Orientierung unmöglich aus einer vielfach undurchsichtigen und ambivalenten Gegenwart und noch viel weniger aus waghalsigen Vorgriffen auf eine schlicht unbekannte Zukunft gespeist sein kann.

So ist auch die Herausgabe des Bellarmin-Buches zu verstehen. Wer dieses etwa als nie vollzogene Überwindung Trients belächelt, übersieht, dass es Wollbold jenseits des Wortlauts um die menschennahe und menschenfreundliche Pädagogik Bellarmins für die Glaubensvermittlung geht, aus der wichtige und dringend benötigte Impulse für die Gegenwart abgeleitet werden können.

Doch gilt es hier nochmal das Wirken in Verkündigung und wissenschaftlichem Arbeiten des Priesters und Theologie-Professors Andreas Wollbold zu charakterisieren vor dem realen Hintergrund von kirchlichem Leben und Theologie, darin die Gedankenlosigkeit und seit neuestem auch der Furor immer stärker überhand nehmen und die tief greifende Verunsicherung der Priester und des Episkopats nur noch den Blinden und Tauben verborgen bleiben kann. Dass die Kirche als Ganzes die Aufgabe, die ihr vom Evangelium aufgegeben ist, nicht mehr oder nur sehr partiell wahrnimmt und sich aufNebenschauplätzen verliert, dass sie also nicht mehr das sagt und verkündet, wozu sie und nur sie da ist, dass sie also nicht mehr das sagt, was nur sie sagen kann, nehmen mittlerweile auch unsere einfachen Gläubigen mit großer Bestürzung wahr. Daran krankt ihre Glaubwürdigkeit und darin liegt zunächst die eigentliche Krise der Kirche unserer Tage.

Kein Leben und Wirken ist frei von Einseitigkeiten und Schranken. Andreas Wollbold hat sich aber von den großen und wirkmächtigen Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft der letzten Jahrzehnte nicht beirren lassen, dem spezifisch innerkirchlichen Konformitätsdruck nicht nachgegeben und um den Preis, nicht allseitigen Applaus zu ernten, sein mittlerweile langes Wirken als Priester und Theologie-Professor in den Dienst gegen die schleichende, aber schon weit fortgeschrittene Enttheologisierung der Kirche und für die bisweilen mühsame und gegen Widerstände ankämpfende Besinnung auf dasjenige gestellt, das nur Kirche und nur Theologie den Menschen und der Welt sagen können. Darin liegt sein Beitrag für die Wiedergewinnung der Glaubwürdigkeit von kirchlichem und theologischem Reden und Handeln für die Gegenwart und für die Zukunft.

Ich wünsche Andreas Wollbold Gesundheit und Frohsinn sowie ein biblisches Alter – doch ohne das biblische „aut in valentibus“.


Dr. Georgios Zigriadis ist Priester der Erzdiözese München und Freising und kennt Andreas Wollbold seit dem Studium der Theologie an der Münchner Katholisch- Theologischen Fakultät.

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