Geistlich werden - geistlich sein

Gedanken eines ehemaligen Regens, Professors und Spirituals

Von Prof. Dr. Ludwig Mödl

Dieser Beitrag ist meinem Nachfolger Prof. Dr. Andreas Wolbold zu seinem 60. Geburtstag gewidmet, dem ich herzlich danke für seine Brüderlichkeit und sein Vertrauen, das er mir stets schenkt. Gott schenke ihm reichlichen Segen.

Ohne Zweifel ist der Beruf des katholischen Priesters gegenwärtig in eine Krise geraten. Die geringe Zahl derer, die sich auf den Weg machen, Priester zu werden, dokumentiert dies überdeutlich. Sie müssen viele Hindernisse umlaufen. Meist sind es nicht die Angriffe von außen, die einen Kandidaten ins Schleudern bringen. Der Zustand unserer Kirche selbst ficht ihn an und erzeugt in ihm Ängste, die ihn immer wieder zweifeln lassen, ob er denn dabeibleiben sollte; denn im Zeitalter der öffentlichen Kommentare bleibt nichts unberedet, was an der Kirche und ihrer Geschichte Schatten wirft, welche von allzu menschlichen Schwächen mancher Kirchenvertreter sprechen. So entsteht nicht selten der Eindruck: Die Kirche ist Institution, die weitab vom Evangelium existiert.

Ein junger Mann, der Priester werden will, bekommt alles serviert, was in der Kirche nicht so läuft oder gelaufen ist, wie es sein sollte. Der Glaube an den Glauben der Kirche und an sie selbst wird dadurch gründlich durchgeschüttelt. Wieviel an solchen „Stürmen“ kann er ertragen? So stellt sich die Frage nach der Ausbildung. Wie müssen die Schritte aussehen, die einen Priesterkandidaten auf einen sicheren Weg führen, so dass er nicht am Felsgrat einer theologischen Frage ausrutscht und abstürzt? Wichtiger aber noch als die Ausbildungskonzepte scheinen mir die Stabilisierungsmomente für jene Priester zu sein, die zur Zeit im Dienst stehen; denn nur ein einigermaßen stabiler, gefestigter und zufriedener Klerus wird werbend für den Nachwuchs wirken können.

1. Priestersein in diesen Zeiten– eine kritische Selbstwahrnehmung

Der Klerus ist seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder ein Thema geworden, das öffentlich interessiert. „Die werden weniger!“, so sagen die Leute. Und mancher Katholik fügt hinzu: „Das ist schlimm. Wie soll es in unserer Kirche weitergehen?“ Andere kontern: „Gar nicht schlimm! Dann müssen die Verantwortlichen endlich alles Unzeitgemäße in der Kirche ändern, den Patriarchalismus, die Systemorientierung, die Bevormundungspastoral und ihre zentralistische Einheitsideologie, die Zugangsbedingungen für das Priesteramt und anderes mehr. Ändert die Zugangsbedingungen zum geistlichen Amt, und ihr habt genügend Kandidaten!“ So denken viele in unserem Land. (Der Blick in die evangelische Kirche müsste uns eines Besseren belehren.)

Der Klerus ist wieder Thema geworden auch bei den Priestern selbst. Die Lage der Kirche schlägt ihnen auf die Seele. Angriffen müssen sie parieren. Wenige Angriffe kommen von ganz außen, sehr viele von halbaußen, die meisten von innen. Spaltungen bahnen sich an. Die Leute laufen weg: ganz wenige laut schimpfend, ein Teil leise schmollend und die meisten einfach die Sache vergessend. Der Glaube „verdunstet“ (A. Exeler). Die Priester stehen weithin hilflos da – und werden weniger. Es geht um ihre Existenz, wenn da der Glaube stirbt. Sie haben sich mit der Kirche identifiziert. Sie haben dem Bischof Gehorsam und ehrfürchtige Solidarität versprochen. Sie haben sich als Seelsorger verpflichtet, den Glauben zu vermitteln, damit die Menschen Hilfe fürs Leben haben. Doch die sagen: “Euer Glaube hilft mir gar nicht wirklich.” Und die Priester – ob solcher Zweifel verunsichert – fragen sich: “Wo hilft er uns wirklich?” Der Zweifel nagt an der Wurzel. Zweifach zeigen sich Existenzprobleme in dichter Form: in der konkreten Amtsführung und im Alleingelassensein.

1.1 Die amtliche Person

Sicherlich erinnert sich noch mancher Priester an eine geistliche Instruktion im Seminar. Da wurde neben vielem anderen gesagt: Ihr wählt nicht nur einen Beruf, ihr seid „berufen“. Bei den Weihen oder der Primiz kam es dann noch deutlicher: Da wurde ein Text gelesen, der von einer Prophetenaufgabe sprach. Wie selbstverständlich zeigte der Prediger Parallelen. Du bist ein Berufener. Du sollst prophetisch reden, denn du bist Lehrer in der Kirche. Du darfst im Namen Gottes führen, denn du bist Hirte. Du darfst einen Dienst heilig gestalten, denn du bist Priester – Priester auf ewig, d.h. du kannst nicht mehr heraus ohne dein Heil zu gefährden. So ähnlich haben viele es noch im Ohr. So ähnlich haben sie es verstanden: Was ich da werde, was ich da bin, was ich da tue, das hat zu tun mit dem Prophetischen, mit dem Überraschenden Gottes, mit dem Nicht-Berechenbaren, mit dem, was nie logisch ganz aufgeht. Ich habe ein prophetisches Amt als Lehrer. Und ich bin in Vertretung Christi in einer priesterlichen Funktion, und ich bin – ihm meine Hände leihend – Hirte. Doch dann kam der erste Brief vom Generalvikariat, freundlich und brüderlich verfasst. Er enthielt: Sie haben ab diesem Datum die Stelle an diesem Ort anzutreten. Eine Stelle! Wie ein Angestellter, wie ein Beamter! Eingebunden in ein System von Planstellen. Wer bin ich? Bin ich nicht ein Berufener? Wie könnt ihr mich zum Beamten machen? Die Vorgesetzten sagten – und man musste es gleich einsehen –, anders geht es nicht in unserer so geordneten Welt. Auf deiner Planstelle, da sollst du prophetisch und priesterlich und als Hirt wirken. Das zeigst du dadurch, dass du verfügbar bist. Ja, du musst immer verfügbar sein. Auch privat bist du im Dienst, nicht so, dass du da Funktionen ausübst, aber in deiner Haltung. Du bist Priester – im Talar und in der Badehose. So sagte man uns, und wir nahmen es an. Es war uns eine konkretisierende Form unseres Verständnisses vom Priester, vom prophetischen Amt: Du bist verfügbar!

Bald merkten wir, was das bedeutet: Eingespannt wurden wir in das Leben einer Pfarrei. Es tat gut, so im Mittelpunkt zu stehen. Zunächst wollten wir es gar nicht glauben: Alle wollten etwas von uns. Wir waren gefragt. Das überraschte. Aber zugleich wurde die Arbeit sprunghaft mehr. Die Leute erwarteten so viel und sie erwarteten Unterschiedliches. Die Jugend wollte, dass wir ihnen zu einem Freiraum verhelfen, so dass sie ohne Behinderung tanzen oder sonst etwas tun konnten, was ihnen Spaß machte und Freiheit bedeutete. Die Alten erwarteten, dass wir uns zu ihnen setzten und zuhörten, wenn sie erzählten von ihren Enkeln oder vom Krieg. Die Mitglieder von der Rosenkranzbruderschaft erwarteten, dass wir mit ihnen wenigstens einmal in der Woche den Rosenkranz beteten, und die Verwandten eines kirchlich distanzierten Verstorbenen erwarteten, dass wir (auch für ihn) eine Leichenfeier gestalteten, die dem Toten Ehre erweist und ihnen hilft, die Sache bald und elegant hinter sich zu bringen – mit Anstand.

Die Gefahr des Funktionalismus ist durch die Verdoppelungen unserer Seelsorgepraxis gewachsen. Für den Priester kann das heißen, dass sich inmitten des Glaubensbetriebes ein Schwachglaube oder sogar ein kryptomaner Unglaube festsetzt oder langsam herausbildet. In der erschütternden Erzählung von Miguel de Unamuno, San Manuel Bueno, martir – 1930 geschrieben und in letzter Zeit öfter neu aufgelegt – ist eine der drei Hauptfiguren Don Miguel. Er ist ein Hochbegabter, der aber nur einfacher Seelsorger bleibt in einem Dorf, da er sich den Nöten der Menschen widmen will. Er wirkt so überzeugend, dass er sogar überraschende Heilungen hervorbringt. Er feiert den Gottesdienst so innig, dass ein Funke überspringt. Die Gemeinde verehrt ihn. Nach seinem Tod möchte der Bischof einen Seligsprechungsprozess einleiten. Da findet die Haushälterin Angela Carballino seine Tagebuchaufzeichnungen, aus denen hervorgeht: Er hat eigentlich nicht mehr geglaubt. Als er den Bruder der Haushälterin, einen Agnostiker, dazu brachte, kein Ärgernis zu geben und wieder seine Christenpflicht zu erfüllen, da entlockte dieser ihm sein Geheimnis. Die dramatische Stelle lautet: „Aber raten Sie mir tatsächlich, Sie als Pfarrer, dass ich den Leuten etwas vorspielen soll?, stammelte er: Vorspielen? Nein, nicht vorspielen! Das ist nicht vorspielen! Nimm Weihwasser, hat einmal jemand gesagt, und mit der Zeit wirst du gläubig. Als ich ihm nun fest in die Augen schaute und zu ihm sagte: Und Sie, sind Sie durch das Messelesen mit der Zeit gläubig geworden?, wandte er den Blick zum See hinunter, und seine Augen füllten sich mit Tränen. So habe ich ihm sein Geheimnis entrissen.” Don Miguel bestärkt die Menschen und lässt sie beim Glauben, der für ihn selbst nicht Bestärkung und nicht Hilfe sein kann. Seine Funktionalität geht soweit, dass er als Person für den Glauben an die Leute aufgeht, sich verzehrt und sich gleichzeitig selbst nicht vom Glauben getragen erfahren darf. Das ist sein Martyrium. Einer, der Glauben vermittelt, darf selbst nicht spüren, dass dieser Glaube nicht nur Zweifel, Last, Bedrohung ist, sondern befreiende Hoffnung. Unglaube in der Form einer optimalen Seelsorgepraxis! Nicht Schau, nicht Perfidie begegnen uns hier in dieser Gestalt. Tiefe Liebe zu den Menschen und die Sehnsucht nach dem Unendlichen treiben Don Miguel. Aber seine Seelsorge, sein kirchliches Tun bleiben funktional und nehmen ihn nicht aus fundamentalen Zweifeln und aus seinem Unglauben heraus, der sich darin zeigt, dass er für sich keine Hoffnung und kein bleibendes Leben bei Gott erwartet. Wir kennen noch andere Ersatzhandlungen, die uns ähnliche Bestätigung von den Leuten einbringen wie Don Miguel. Sie seien nicht verurteilt wie seine Menschlichkeit nicht verurteilt und bezweifelt werde. Aber sie können auch mehrdeutig sein, ja sie können den Menschen viel und unserem Glauben nichts bringen. Die Botschaft des Glaubens möchte aber zuerst dem Überbringer Hoffnung geben und ihm eine Heilung spüren lassen. So können die Ersatzhandlungen mit Anerkennung nicht nur beurteilt werden nach ihrer Funktion für die Leute, sondern auch nach ihrer Wirkung beim Seelsorger. Hat der Kirchenbau auch ihm geholfen, dass er mit der Gemeinde eine Heimat fand? Hat das Sammeln von Antiquitäten auch seinen Glauben gestärkt, indem er den Glauben derer erfühlte, die den Christuskopf geschnitzt, den Leuchter gestiftet oder das Messkleid gestickt haben?

Nur so wird ein Tun transparent auf Jenseitiges, dass es dem, der aktiv an ihm beteiligt ist, weiterhilft zu der eigentlichen Sache hin, um die es geht. Genauso möchte ich das Amt des Priesters selbst sehen. Er bekleidet ein Amt, und als dieser Amtsträger kann, ja muss er Bestimmtes tun. Doch dieses sein Tun hat nicht nur einen objektiven Sinn. Das zwar auch, aber nur in Hinsicht auf die Leute, für die eine Amtshandlung bestimmt ist. Trotzdem ist jede Amtshandlung so angelegt, dass der Träger des Amtes selbst auch etwas davon haben soll. Er soll nicht nur Mittler von Heil sein, sondern er soll selbst mitgeheilt werden. Vor allem ist er, insofern er als Amtsträger Repräsentant ist, auch Repräsentant des Glaubens. Als dieser Repräsentant stellt er diesen Glauben dar. Es ist ein Glaube an die Erlösung. Wenn er aber nun nicht durchdrungen ist von dem Wissen: Ich bin erlöst!, und wenn an ihm und seiner Weise, mit den Leuten umzugehen, nicht spürbar wird, dass Erlösendes im Spiel ist, dann bleibt seine Predigt formal und sein Tun zwar wirksam, aber nicht eigentlich sakramental, also die göttliche Wirklichkeit bezeichnend. 

Heute zeichnen sich für manche Priester gerade an diesem Punkt Schwierigkeiten ab: Zum einen kommen viele, wie schon gesagt, mit der Fülle der Amtshandlungen emotional nicht mehr zurecht, so dass die Gefahr eines wenigstens streckenweise spirituellen Leerlaufs gegeben ist. Zum zweiten – und das ist noch belastender – ist der Priester als Amtsträger Repräsentant der heutigen Kirche, und zwar Repräsentant am Ort. Als kündender Gesprächspartner ist er für die Leute der einzige Repräsentant, mit dem sie reden können. Aber die Repräsentanz von Kirche, die sich durch die Medien in die Pfarreien einschiebt, kommt heute oft in Konkurrenz zu dem, was am Ort geschieht. Das Verführerische dabei ist dies: Am Fernsehen kann ein Repräsentant ganz nahe sein, ja bei Nahaufnahmen sieht man noch einige Zahnplomben. Der Fernsehzuschauer erliegt dann der Illusion: Ich kenne den Papst, den Bischof, den Fernsehprediger. Aber er kann nicht mit ihm reden. Was den Leuten an der Kirche nicht gefällt, das lassen sie den spüren, den sie greifen können. Das ist der Seelsorger vor Ort. Damit kommt bei vielen Priestern das Gefühl auf, allein gelassen zu sein. Natürlich stehen Priester im Presbyterium. Natürlich sollen sie in einer communio der Pfarrei oder von Gruppen leben. Die communio ist ein Leitwort aller Pastoral in unserer Zeit geworden. Aber wie funktioniert sie? Ist sie für manchen Pfarrer nicht zu einer zusätzlichen Last geworden, wenn er eine communio des Rates hat, mit der er nicht umgehen kann, den er nur als behindernd erlebt? Ist es nicht auch mit der Idee der communio alleingelassen?

Es seien unter dem Stichwort vom „Priester, der sich alleingelassen fühlt“ ein paar Aspekte angerissen. Was ich hierbei sage, sei keineswegs als Schuldzuweisung gedacht – es trifft für alle Ebenen der Pastoral zu – vom Bischof bis zum Kaplan. 

1.2 Der alleingelassene Kirchenmann

Vornehmlich in vier Bereichen, so meine ich, fühlen sich Priester heute alleingelassen: mit den Dokumenten der Kirchenerneuerung, mit den theologischen Reflexionen, mit der communio und mit dem Zölibat.

a) Allein in der Konkretion aller Reformen

Das II. Vatikanische Konzil war ein großer Wurf. Die ganze Pastoral wurde weltweit neu ausgerichtet. Die einzelnen Regionen und Bistümer sind an das Reformwerk gegangen. Eine Synode für die Bundesrepublik, für die Schweiz, für Österreich hat – in breiter Diskussion – je eine feinere Abstimmung auf die Landesbedürfnisse versucht. Die einzelnen Bistümer haben Gremien geschaffen, Planstellen eingerichtet und die Strukturen der Seelsorge so auszubauen versucht, dass die Anliegen einer Erneuerung des kirchlichen Lebens voranschreiten können. Und doch sind die Seelsorger nicht zufrieden. Sie fühlen sich mit der Reform allein. Denn es war eine weltweite Reform von oben. Unten ist sie im Grundkonzept gut angekommen. Aber jetzt müsste deutlich werden, was es heißt, im Glauben das Leben gelingen zu lassen, was der konkrete Zugewinn des glaubenden Engagements ist. Das aber kann man nicht verordnen, kann man nicht organisieren, kann man nicht generell vorschreiben. Da muss etwas zu leben beginnen. Doch wie kann das initiiert werden? Ein Seelsorger, der alles versucht hat, was man ihm vorgeschlagen hat, sieht kaum Erfolg. Ein großer Durchbruch, einer der überzeugend eine christliche Gemeinde entstehen lässt, ist noch selten gelungen – im Gegenteil: Der Kirchenbesuch hat dramatisch abgenommen, das Glaubenswissen vieler tendiert gegen Null und die Gebetspraxis schwindet ebenfalls bei vielen. Es gab zwar auch viele Aufbrüche: Gremien, Bewegungen, Initiativen. Aber doch dämpfte dies die Beunruhigung des Seelsorgers nicht, wenn er sich fragte: „Wo sind die Kinder? Wo ist die junge Generation? Brauchen die Leute unsere Erlösung nicht?“ Und dann kamen pausenlos neue Dokumente von oben. Sie präzisierten, führten aus, wiesen an. Doch was erstaunt: Die meisten Seelsorger, die meisten Priester kommen nicht dazu, das alles zu lesen. Sie nehmen nur zur Kenntnis, was da gesagt wird. Doch sie erwarten davon eigentlich keine Hilfe mehr. Denn Priester und Seelsorger erkennen meist ihre Situation nicht in den Schreiben. So legen sie die Dokumente zur Seite – und schweigen. Mancher hat ein schlechtes Gewissen, weil er das alles nicht liest, ja weil er zum Teil die Konzilstexte noch nicht gelesen hat. Aber er hat‘s versucht. Doch das war ihm nicht sehr gewinnbringend. Da ist alles so richtig, da ist alles so groß. Seine Fragen aber sind klein. So lebt er weiter – mit schlechtem Gewissen. Er sucht zu überleben nach der Parole: Weitermachen!

b) Allein in der Theologie

Ähnlich geht es ihm mit der Theologie. Da gibt es viele Richtungen, viele Versuche, Glaubenswahrheiten zu reflektieren und Sprachhilfen zu geben, um das letztlich Unsagbare doch in unsere Denkwelt zu holen. Dabei hatte jeder theologische Begriff zu der Zeit, in der er geprägt wurde, einen konkreten Hintergrund. Er antwortete auf ein Problem des Lebens. Die Formel, ob Maria „Gottesgebärerin“ sei, hat die Marktfrauen in Ephesus so bewegt, dass sie sich Krautköpfe nachgeworfen haben, wenn sie darüber stritten. Denn es bedeutete für sie einen Zugang zu den letzten Fragen des Daseins, zu der letzten Frage, ob Gott wirklich hereingreift in unser Dasein oder ob wir allein auf unserem Erdball hausen und nur selber werkeln müssen – moralisch unterstützt von einem ganz Großen, aber ohne wirkliche Aussicht auf ein Jenseits in Gott. Im aufgewühlten Lebensgefühl der Spätantike war die Faszination des Christentums, was der Titel „Gottesmutter“ symbolisierte: Gott wird wirklich Mensch, damit der Mensch wirklich ins Göttliche kommt. Es gibt tausende solcher Begriffe. Was besagen sie heute existentiell? Was bewirken sie heute bei uns? Viele theologische Bücher wirken wie die kirchlichen Dokumente auf die Priester. Sie lesen sie an – und legen sie weg. Nicht dazukommen heißt: Ich habe es schon versucht, aber es hat mir wenig gebracht. Auf meine Probleme, auf meine Ängste, auf meine Sehnsüchte gaben sie mir keine Antwort. Wie sollte ich auch finden, welche Zeilen ich da in einem Buch lesen müsste, die mir helfen?

Da Theologie wie jedes existentielle Wissen nicht medial, sondern nur persönlich vermittelt werden kann, ist die theologische Misere vieler Priester eine Frage an die Vermittler. Warum fühlen sie sich alleingelassen? Der Priester an der Basis fühlt sich nicht mehr als Theologe. Er kennt theologische Formeln und Systeme, er hält sie für wahr. Aber er spürt nicht, dass Theologie immer Gespräch ist, Gespräch zwischen dem Leben und dem überlieferten Glauben. Wie kann er Theologe sein, also einer, der von Gott redet, nicht formelhaft, sondern transparent zum Leben? Hier fühlt er sich alleingelassen.

c) Allein mit dem Zölibat

Der Zölibat ist für viele Weltpriester zunächst nicht unbedingt ein grundsätzliches Problem, er ist ein konkretes Problem. Die Worte sind groß. Aber die Probleme sind alltäglich. Da hat der Priester wenig Hilfe. Da muss er allein durch. Wie finde ich eine rechte Haushälterin? Hat er eine Schwester oder nahe Verwandte, die sich eignet und die zu ihm gehen will, dann hat er Glück – muss allerdings wissen, dass dann natürlich eine doppelte Verbindung zur Ursprungsfamilie aufrechterhalten wird. Das mag schön und hilfreich sein, kann aber natürlich auch belasten. Hat er aber nun niemand aus der nächsten Verwandtschaft, wen nimmt er? Da ist natürlich die Vorfrage: Wer kommt überhaupt in Frage und wer will diese Arbeit machen? Hat ein Priester keine Haushälterin (und das ist inzwischen leider der Normalfall), so ist er auch nicht aus dem Schneider; denn dann gibt es auch Gefahren: Entweder er wird junggesellenhaft, ichzentriert oder komisch – je nach Anlage. Eine zweite Gefahr ist, dass er sich heutzutage gegen die Verdächtigungen wehren muss, er würde zur Homophilie neigen. Wie immer die Situation ist: Der Zölibat ist für den Priester ein konkretes Problem. Und er muss es meist allein lösen.

2. Überlegungen für die Priesterausbildung

Die Neuansätze des II. Vatikanischen Konzils für die Priesterausbildung, die im „Dekret über die Ausbildung der Priester“ (Optatum totius – OT) skizziert wurden, sind mit der Ratio fundamentalis und der Ratio nationalis aufgegriffen und realisiert worden. Aber jetzt zeigt sich als Problem: Die eben angerissene Problematik macht deutlich, dass zum einen die Voraussetzungen für vieles in der Ratio Stehende in einem Seminarleben nicht mehr möglich ist wegen der geringen Zahl der Kandidaten, und zum Anderen sich die Situation der Seelsorge in den letzten Jahren nochmals dramatisch verändert hat. Wie darauf reagieren? Genügen die grundlegenden Elemente der Ausbildungsordnung hinsichtlich der Förderung der menschlichen Reife, der theologischen Bildung, der spirituellen Förderung und der pastoralen Einführung?

2.1 Globale Situationsveränderung

Die eben geschilderte Situation der Priester ist eingebunden in einen gewaltigen gesellschaftlichen Wandel. Die Globalisierung der Weltwirtschaft, die Kommunikationsmöglichkeiten vornehmlich durch Internet, die Mobilität der Vielen lassen die Kulturen zusammenkommen in einer Weise, dass vor allem auch die Religionen in ihrer Verschiedenheit allen, welche die Medien nutzen (und das sind nahezu alle), vor Augen geführt werden und so jeder mit dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion konfrontiert wird. Hier ist das Thema Kirche zu einem Hauptthema geworden, da der Wahrheitsanspruch einer Religion nur durch die Gemeinschaft von Glaubenden, d.h. durch ihre religiösen und sonstigen praktischen Aktivitäten erfahren werden kann. Diese scheinen mir in drei Handlungsfeldern gegeben:

(a) Im eigentlich religiöse Handeln, d.h. im Gebet, Gottesdienst und Verkündigung in ihren vielfältigen Formen, (b) in ihren diakonischen Aktivitäten und (c) in ihren verschiedenen Gemeinschaftsformen, d.h. den Institutionen, den Versammlungen und allen anderen Organisationen. Bei allen diesen Aktivitäten sind alle Glaubenden beteiligt. Die Amtsträger, der Bischof, der Presbyter und der Diakon, haben dabei besondere Funktionen, die man als „leitend“ bezeichnen mag. So die Sorge des Bischofs um die communio, das diakonische Handlungsfeld des Diakons und die eigentlichen religiösen Handlungen wie Verkündigung, Gottesdienst und Beten als Aufgabe des Presbyters. Aus dieser Überlegung heraus sollten in der Ausbildung diese Schwerpunkte im Blick sein. Und das bedeutet: Der Priester braucht ein spirituelles Fundament als Beter, als Liturge und Sakramentenspender sowie als Verkünder in offizieller und seelsorglich-privater Form.

2.2 Konsequenzen für die Priesterausbildung heute und morgen

a) Großer Bildungsraum

Die wissenschaftliche Bildung der Priester muss in einen großen Rahmen einer Allgemeinbildung eingebunden sein. Es sollte heute jeder Priester noch ein zweites wissenschaftliches Fach (nach eigener Wahl) im Fokus haben, d.h. evtl. als Zweitfach mitstudieren, damit die Theologie weltlich eingebunden ist und ein Außenblick ermöglich wird, der allemal für die Vermittlung des Glaubens hilfreich ist. Der Priester sei ein hoch gebildeter Mann! So kann er selbst die jeweilige Lage überschauen und die christliche Botschaft den immer höher gebildeten Menschen vermitteln. Auch bekommt er nur so Ansehen bei jenen Leuten, die mit Theologie wenig anzufangen wissen, was im heutigen Kulturbetrieb und bei vielen Ökonomen, welche in der Gesellschaft großen Einfluss haben, nicht selten der Fall ist. Gerade mit diesen Menschen muss ein Priester auf Augenhöhe reden können.

b) Theologe und Gesprächspartner

Der Theologie sollte ein hoher Stellenwert in der Ausbildung zukommen, da der Priester als leitende Figur in der Seelsorge in zweifacher Richtung fähig sein muss: Er muss kritisch die Zeitläufe beurteilen können, und er muss die anderen „Verkünder“ (Ehrenamtliche, Eltern usw.) für ihre Aufgabe bestärken, den Glauben zu bezeugen. Das heißt: Nicht nur predigen sollte der Priester können, sondern alle heutigen Kommunikationsformen beherrschen: öffentliche Stellungnahmen (er soll kommentieren können), systematische Glaubensvermittlung, spirituelles Reden, Predigen, Einzelkommunikation. Fachmann für ein zeitgerechtes theologisches Reden sei der Priester! Dies schließt ein, dass er ein einfühlsamer und kompetenter Gesprächspartner ist, der Theologie und Spiritualität zu vermitteln weiß. Auch muss der Priester künftig wieder fähig sein, kontroverse Themen anzupacken und in einer intelligenten und sachlichen Apologetik den Glauben darzustellen und zu verteidigen wissen. 

c) Spirituell-diakonische Erfahrungen

Die spirituelle Bildung – in Erfahrung gelernt – darf nicht theologiearm und spiritualistisch daherkommen, sondern muss gleichermaßen eingebunden sein in die Theologie und die Lebenspraxis. Das Glaubenswissen muss zum Lebenswissen werden. Deswegen ist dafür zu sorgen, dass ein Student während der Studienzeit praktische Orte der Diakonie erfährt. Ein Gemeinschaftsleben, das unbedingt beibehalten werden soll, birgt viele Elemente dieser Lebensnähe.

d) Außenleistungen anerkennen  

Heute kommen viele Studenten, die aus anderen Bereichen Vorleistungen mitbringen bzw. die in anderen Wissensgebieten zu Hause sind. Diese Schätze sind zu heben und den Studenten je eigene Zugangswege zu einzelnen geistlichen bzw. theologischen Fragen ermöglichen. Die Ausbildungswege müssen individuell gestaltbar sein.

e) Kein Einheitsbild

Die Persönlichkeit eines Studenten sollte gebildet werden und er soll persönlich reifen, was aber bedeutet, dass er „er selbst“ wird und man ihn nicht in ein Einheitsbild einzupressen sucht. Es sollen keine „Design-Priester“ geschaffen werden, was freilich nicht heißt, dass ein Priester als geistlicher Theologe – bei aller Individualität – nicht als solcher erkennbar sein sollte.

Die hier aufgelisteten Elemente sind weithin in der bisherigen Priesterausbildung schon bedacht und angestrebt. Doch muss, so denke ich, auch öffentlich deutlich werden, dass die Priesteramtskandidaten einen hohen kulturellen Standard anstreben, der sie – theologisch kompetent und spirituelle authentisch – als Männer des Geistes, als Künder des Glaubens und als Brüder in der Lebensbegleitung auszeichnet.


Ludwig Mödl leitete 16 Jahre als Regens das Priesterseminar Eichstätt (1971-1987), 15 Jahre war er Professor (Luzern 1988-1992, Eichstätt 1992-1996 und München 1996-2003) und 10 Jahre Spiritual (Herzogliches Georgianum 2003-2013). Dazu war er noch 3 Jahre Kaplan (1966-1969) und 11 Jahre Pfarradministrator (1992-1997 in Bergen, 1997-2003 in Pellheim). Seit 2013 wirkt er als Ruhestandsgeistlicher in der Münchner Innenstadtkirche Hl. Geist.

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