Was bleibt…

Gedanken zu einem klösterlichen Thema

Von Sr. Bernadette Pruß

Nach 60 erfüllten Lebensjahren mag sich eine kleine Bilanz nahelegen – über das Gewesene, über das Wesentliche dieser Jahre, über das Bleibende…

Für mich als Benediktinerin ist das Bleibende und das Bleiben ein starker Pfeiler meiner Lebensform. „Stabilitas“ heißt er in der Benediktsregel. So möchte ich ein paar Gedanken zum „Bleiben“ beisteuern in der Hoffnung, dass diese in unserer Welt der Mobilität und Innovationen eher unpopuläre Tugend auch für Nicht-Kloster-Leute eine Anregung sei. „Stabilitas“ bezieht sich nicht in erster Linie auf den Ort an dem wir bleiben, sondern auf die Gemeinschaft, in der wir leben. (Die Benediktsregel spricht von stabilitas „in congregatione“ nicht „loci“!). Es geht darum, dass wir in Beziehungen Wurzeln schlagen und diese Verwurzelung dann pflegen. Ein Mensch, der „fest steht“ und „Beharrlichkeit“ zeigt, kann das gemeinsame Leben beginnen. Was ein solches Bleiben ausmacht, lässt sich gut wiedergeben mit dem Wort „Verbindlichkeit“. Gemeint ist eine Haltung, die sich der Gemeinschaft zur Verfügung stellt und sich einbringt, so dass jede sich auf die andere verlassen und mit ihr rechnen kann. Welche Mühe es kosten kann, dies in einer konkreten Gemeinschaft zu verwirklichen, weiß jede, die es wagt. Benedikt sagt es deutlich:

„Der Mönch hält aus, ohne müde zu werden oder davonzulaufen, sagt doch die Schrift, Wer bis zum Ende standhaft bleibt, wird gerettet (Mt 10,22)“.[1]

Stabilitas hat es also mit der Treue zu Menschen zu tun – zu Menschen, die sich verändern; zu einer Gemeinschaft, die sich verändert. Damit ist das das Bleiben immer wieder zugleich ein „Verlassen“, ein Verlassen dessen, was gewohnt war und was berechtigt schien. Das Gehorsamskapitel RB 5,7 sagt es grundsätzlich. Die Mönche verlassen „quae sua sunt“. Sie sind wie die Jünger, die Jesus beruft. Sie verlassen das ihrige und treten in die Nachfolge des Jesu ein. Die Formel „quae sua sunt – das, was ihres ist“ ist ein Zitat aus dem 1.Korintherbrief, dem paulinischen Hohenlied der Liebe. 1Kor 13,5: „Die Liebe sucht nicht quae sua sunt. Die deutsche Übersetzung schreibt: „sucht nicht ihren Vorteil“ – und genau das ist gemeint!: nicht den eigenen Vorteil suchen, nicht den Eigennutz pflegen, nicht das Unangenehme auslassen.

Die Mönche verlassen „quae sua sunt“. Sie verlassen das ihrige und übernehmen Verantwortung für das, was die Gemeinschaft von ihnen erwarten darf. Nur wenn dies gelingt, kann unsere Stabilitas jenes prophetische Zeichen sein, nach der die Welt verlangt. Das Bleiben in der menschlichen Gemeinschaft gewinnt aber seinen letzten Sinn aus dem Bleiben in der Gemeinschaft mit Christus. Auch sie gilt es beständig zu pflegen. Nur wenn Christus der Grund und die Mitte ist für unser Gebet, unsere Arbeit, unsere innere Stärke und sogar für unsere Beziehungen zu anderen ist, können wir durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch auch den menschlichen Beziehungen treu bleiben. In dieser doppelten Stabilitas können wir geistlich wie menschlich wachsen. Jesus setzt das in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums ins bekannte Bild vom Weinstock und den Reben: Bleibt in mir wie die Reben am Weinstock, sonst bringt ihr keine Frucht und verdorrt. Die Kraft zum Bleiben gewinnen wir letztlich nur, wenn wir der Zusage des Herrn glauben, dass er selber bleibtBleibt! – und ich bleibe in euch…(Joh 15,4).

Tagtäglich mit denselben Menschen zu leben – bei den Mahlzeiten, beim Gebet, bei der Arbeit, usw., und dabei alle ihre Stärken und ihre Schwächen zu kennen – das erfordert ein hohes Maß an Energie, an Standhaftigkeit – und Liebe. Genau dies aber nennt der Hl. Benedikt die „wahre Heiligkeit“: dass wir im Hin und Her des Alltags gegenseitig unsere „körperlichen und charakterlichen Schwächen mit unerschöpflicher Geduld ertragen“. (RB 72,5) Solche Art von Heiligkeit wächst aus der Treue und Beständigkeit gegenüber denen, die uns an die Seite gestellt sind. Denn meistens erfahren wir gerade im täglichen Umgang mit ihnen jene Untugenden und Mängel, die uns zu schaffen machen. Benedikt weiß dies. Er weiß auch, dass das Murren darüber nicht weiterhilft. Seine Weise des Umgangs damit heißt „bene-dicere“. „Die Mönche sollen nicht murren, sondern „benedicant Deum“ - Gott preisen.

Dies gilt nicht nur, wenn der Wein fehlt (vgl. RB 40,8), sondern für alle Situationen, in denen Mangel spürbar wird und Defizite erfahren werden: wenn z.B. Aussichtslosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich herrscht, wenn Müdigkeit im geistlichen Leben sich bemerkbar macht… Auch wenn sich mancher Mangel aktuell nicht beheben lässt, dürfen wir im „benedicere“ einen anderen Blickwinkel einnehmen, den Defiziten ihren Stellenwert im Lichte Gottes zumessen, uns von ihnen nicht am Eigentlichen hindern lassen.

„Auch in der Nacht lasst uns aufstehen, um Gott zu preisen“ (RB 16,5).

Damit sind zunächst die nächtlichen Gebetszeiten gemeint. Es kann aber solche „Nacht-Zeiten“ noch in anderem Sinn geben. Wir leben auch im Kloster nicht in einer heilen Welt. Wir machen die Erfahrung der Nacht, die in uns steckt.[2] Benedikt ermutigt uns, in den Dunkelheiten und Finsternissen des Lebens, in Situationen der Ohnmacht aufzustehen und miteinander Gott zu preisen. So kann das „Aufstehen“ für die anderen zum Zeichen der Auferstehung werden, zum Zeichen der Verbundenheit mit dem österlichen Leiden und dem endgültigen Sieg Christi. Der einfache Lebensstil gehört zum Zeugnis, das wir ablegen gegenüber einer Welt, die voller Ungerechtigkeiten ist bei der Verteilung der Güter. Selbstverständlich brauchen wir (auch im Kloster) viele Dinge und haben sie in Verwendung. Die Regel Benedikts vertritt keine radikale Armut, sondern „Genügsamkeit“. „Sufficere – was genügt“ heißt das Stichwort bei Speise und Trank, bei Kleidung und Gebrauchsgegenständen.[3]

„Alles Notwendige – omnia necessaria“ soll gegeben werden.[4] 

Das Überflüssige muss entfernt werden. Alles Notwendige heißt nicht alles Wünschenswerte, heißt auch nicht alles, was unser Konto hergibt. Das „Notwendige“ zu haben, verlangt einen verantwortlichen Umgang mit Bedürfnissen und Ansprüchen. Allerdings ist damit auch nicht die Bevorzugung von Wegwerf- oder Billigwaren gemeint: Die Gegenstände, die Benedikt vorsieht, werden mehrfach gebraucht, gereinigt, gewaschen, weitergegeben und wieder gebraucht. Sie sind von solider Qualität. Das Notwendige setzt die Gabe der Unterscheidung voraus – und Ehrlichkeit in Bezug auf das, was notwendig ist und was nicht…

Die Einsiedlerin Synkletika erklärte schon vor 1500 Jahren: „Wenn du in einer Klostergemeinschaft lebst, so wechsle den Ort nicht; wenn du es tust, wirst du Wunden davontragen. So wie eine Henne, die ihre Eier verlässt, keine Küken ausbrüten kann, so werden ein Mönch oder eine Jungfrau kalt, wenn sie von Ort zu Ort ziehen.“[5] Das Zusammenleben in einer Gemeinschaft hat ohne Zweifel manchmal Hitzigkeiten zur Folge. Ob Amma Synkletika dies meinte, wenn sie feststellt, dass „kalt“ wird, wer das Gemeinschaftsleben mit seinen Reibungen flieht…?

Benedikt nennt solche, die vor den Anforderungen der Gemeinschaft flüchten, „Gyrovagen“ – frei übersetzt: „Ausweichler“, Leute, die nicht standhalten, die ständig nach Alternativen suchen. Er warnt davor, „draußen herumzulaufen“, denn das ist für Mönche überhaupt nicht gut (RB 66,7). Das „draußen-Herumschweifen“ gibt es auf verschiedenen Ebenen. Man kann auch bei äußerer Anwesenheit in einem tieferen Sinn, „nicht zu Hause sein“: innerlich abwesend, unerfüllt, mit nichtigen Dingen und Ablenkungen beschäftigt.

Solches „Draußen-sein“ entzieht uns vor allem die Chancen zur Bekehrung. Denn in der Begegnung mit anderen stehen unsere inneren Scheinwelten und die Illusionen über uns selbst in Frage. Die Gemeinschaft zwingt zur eigenen Realität, die nicht immer angenehm ist, die aber im Aushalten zur Reife finden soll. Mögen unsere Gemeinschaften in diesem Sinne wirksam sein für die Gesellschaft, damit sie nicht „kalt“ wird.


[1] RB 7,36

[2] vgl. Michela Puzicha „…die gemeinsame Regel des Klosters (RB 7,55). Aufsätze und Vorträge zur Benediktusregel II, 218.

[3] RB 39; 40; 55.

[4] RB 34T; 55,18f; 66,6.

[5] AP 897 (Synkletika 6).


Sr. Bernadette Pruß, (*1964 in Berlin) ist seit 1989 Benediktinerin der Abtei St. Gertrud in Alexanderdorf. Von 1995 - 2000 studierte sie Theologie im Diplomstudiengang am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt (seit 2003 Theologische Fakultät der Universität Erfurt). Die Fächer Religionspädagogik und Pastoraltheologie vertrat zu jener Zeit Andreas Wollbold in Erfurt. 2013 wurde Sr. Bernadette Pruß zur Äbtissin ihrer Gemeinschaft gewählt.

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